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Altersmedizin: „Alte Menschen haben besondere Bedürfnisse“

Unsere Gesellschaft wird immer älter, und mit ihr die Patienten. Die Altersheilkunde (Geriatrie) widmet sich betagten und hochbetagten Patienten, insbesondere nach einem akuten Ereignis wie einem Schlaganfall oder einem Oberschenkelhalsbruch. Über die Herausforderungen in der Altersmedizin hat sich Kerstin Kaminsky mit Dr. Gunter Reuling unterhalten. Er ist Chefarzt der Geriatrie am Kreiskrankenhaus Weilburg.
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Herr Reuling, warum braucht man überhaupt Geriater? Sind alte Kranke denn anders als junge Kranke?

DR. GUNTER REULING: Ja, das sind sie. So, wie in Bezug auf die Medizin ein Kind andere Ansprüche hat als ein kleiner Erwachsener und anderer Herangehensweisen bedarf, gilt das auch für die besonderen Bedürfnisse und Krankheitsbilder alter Menschen. Aber Alter ist kein ausschließlich kalendarischer Zustand, sondern sollte sehr individuell nach den körperlichen und kognitiven Befindlichkeiten erfasst werden. Gerade nach einem akuten Ereignis geraten betagte Patienten schnell in eine kritische und instabile Lebenslage.

Sehen Sie die medizinische Herausforderung bei alten und sehr alten Patienten eher im Erkennen oder in der Behandlung ihrer verschiedenen und oftmals ineinander übergreifenden Erkrankungen?

REULING: Für mich ist unsere medizinische Disziplin wie der Sport eines Zehnkämpfers. Wir müssen unsere Patienten ganzheitlich betrachten und in Diagnostik und Therapie gleichermaßen allgemeinmedizinische, internistische, orthopädische, urologische und neurologische Krankheitsbilder erfassen. Das geht nur in einem gesamtmedizinischen Team aus Ärzten, Pflegern, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Psychologen.

Viele Senioren nehmen täglich mehrere Medikamente ein. Muss man da nicht bei den Nebenwirkungen aufpassen?

REULING: Das stimmt. Es gibt Arzneimittel, die zu Verwirrungszuständen oder Schlaflosigkeit führen, und auch solche, die die Sturzgefahr erhöhen. Ich fände es wünschenswert, dass nicht mehr als fünf oder sechs Medikamente gleichzeitig eingenommen werden und dass der Tablettencocktail von Zeit zu Zeit einer kritischen Prüfung unterzogen wird. Ich rate dazu, einmal im Jahr mit dem Hausarzt eine Bestandsaufnahme aller regelmäßig eingenommenen Arzneimittel – auch freiverkäufliche und pflanzliche Präparate – zu machen und nach dem Motto „so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich“ auf die tatsächlich notwendigen Medikamente zu reduzieren.

Auch Menschen jenseits der 70 können selbst an der Behandlung ihrer Mehrfacherkrankungen mitwirken. Welche Ratschläge geben Sie Ihren Patienten mit auf den Heimweg?

REULING: Tun Sie alles, was Sie nur können, für den Erhalt Ihrer Mobilität! Das bedeutet, dass die Patienten, die im Krankenhaus erlernten Übungen zum Muskeltraining weiterführen, dass sie Hilfsmittel wie den Rollator oder die Gehhilfe annehmen und dass sie sich an eine eventuell verordnete Diät halten oder mit gesunder Mischkost ernähren, falls eine Gewichtsreduktion zur verbesserten Bewegungsfähigkeit angeraten ist.

Verfügen alte Menschen über Fähigkeiten und Möglichkeiten, um die altersbedingten Einschränkungen zu kompensieren?

REULING: Durchaus, das betrifft insbesondere das Gedächtnis. Prinzipiell bleiben Lernfähigkeit und Trainierbarkeit bis in das hohe Alter erhalten. Es handelt sich kognitiv eher um einen Leistungswandel. Zwar lassen die Lern- und Arbeitsgeschwindigkeit meist etwas nach, aber dafür entwickeln die Senioren die sprichwörtliche Altersweisheit, weil sie auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen können.

Wie können Sie die Selbstständigkeit alter und kranker Menschen fördern?

REULING: Ziel der Geriatrie ist es, die Menschen gerade nach einer Operation oder einem neurologischen Notfall wieder am Leben teilhaben zu lassen. Dafür bieten wir einen ganzheitlichen medizinischen Therapieansatz, bestehend aus Physio- und Ergotherapie, Logopädie und Psychologie. Bis zu 80 Prozent unserer Patienten im stationären Bereich können anschließend wieder in ihren häuslichen Bereich zurückkehren.

Was empfehlen Sie einem heute 50-Jährigen, um seine Gesundheit auch im höheren Alter zu erhalten?

REULING: Schon im mittleren Alter kann die Knochendichte abnehmen. Eine Basisdiagnostik zur Erkennung der Osteoporose schafft hier Klarheit. Und egal in welchem Lebensabschnitt: Bewegung und gesunde Ernährung sind das A und O für ein gesundes Leben.

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