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Tarifabschluss: Wie Schichtarbeiter Lars Becker von der 28-Stunden-Woche profitiert

Von Normalerweise steht Lars Becker 35 Stunden pro Woche im Schichtbetrieb an großen Maschinen und leistet Schwerstarbeit. Der Tarifabschluss, den die IG Metall jüngst in Baden-Württemberg ausgehandelt hat, gibt ihm nun Hoffnung. Denn Lars Becker liebt zwar seinen Beruf, doch einer blieb dabei oft auf der Strecke: sein einjähriger Sohn.
Familienglück: Lars Becker mit seiner Lebensgefährtin Natascha Spahn und dem gemeinsamen Sohn Joshua.
Rodgau. 

Es ist ein gewöhnlicher Werktag in einer idyllischen Straße am Ortsrand von Rodgau. Die meisten Anwohner sind auf der Arbeit, nur Lars Becker sitzt zu Hause und genießt sein persönliches „Wochenende“. Es ist einer der wenigen Vorteile des Schichtdienstes, auch mal unter der Woche frei zu haben. Nutzen kann er die Zeit jedoch nicht, Freunde und Bekannte arbeiten ihrerseits und sein Sohn ist in der Kita. Neugierig schaut er daher auf die Uhr, gleich kommt seine Lebensgefährtin nach Hause und bringt den Sohn mit.

Lars Becker ist ein kräftiger 28-jähriger Mann. Jeden Arbeitstag trägt der Zerspanungsmechaniker bis zu 800 Mal mehrere Kilo schwere Maschinen- und Produktionsteile beim Automobilzulieferer GKN-Driveline in Offenbach. Seinen Job übt er mit Leidenschaft und Fleiß aus, einige seiner Kollegen sind inzwischen seine besten Freunde. Dennoch hat Becker klare Prioritäten: „Ich lebe nicht für die Arbeit, sondern für meine Familie.“ Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Natascha Spahn hat er einen einjährigen Sohn, Joshua. „Es ist das schönste Gefühl, wenn man nach Hause kommt und es wartet jemand auf dich“, schwärmt Becker.

Eine Woche nicht gesehen

Viel zu häufig sieht es jedoch anders aus: Im Schichtbetrieb arbeitet er entweder eine Woche im Früh- oder eine Woche im Spätdienst. Nach einer Frühschicht kann er fröhlich um 14 Uhr seinen Sohn von der Kita abholen. In einer Spätschichtwoche beginnt seine Arbeit erst um 14 Uhr. Kommt er nach Hause, ist der Kleine längst im Bett – so kann es passieren, dass sein Sohn ihn eine Woche lang nicht sieht. Auch in einer Frühschichtwoche schaut der Sohn häufiger ins Leere: „Wir spielen sehr gerne verstecken“, erzählt Becker. Wacht sein Sohn morgens auf, kann er den Vater jedoch nicht finden, denn er ist längst auf der Arbeit.

Der neue Tarifvertrag

33 Jahre nach dem letzten großen Arbeitskampf für die 35 Stunden-Woche rief die Gewerkschaft IG Metall Anfang des Jahres zum Streik für das nächste große Ziel auf: die 28-Stunden-Woche.

clearing

Lars Becker sucht jede Möglichkeit, um mehr Zeit mit seinem Sohn zu verbringen. So nahm auch er nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes sieben Monate Elternzeit. Die finanziellen Einbußen nahm er gerne in Kauf. Eine Möglichkeit, um mehr bei der Familie zu sein, entwickelte die Gewerkschaft IG Metall, in der Becker selbst aktiv ist. „Es war für mich klar für die 28-Stunden-Woche zu kämpfen“, berichtet Becker. Nach dem Tarifabschluss in Baden-Württemberg – der erfahrungsgemäß auch in Hessen Anwendung finden wird – plant Becker ab Januar 2019 für zwei Jahre in die Teilzeit zu wechseln. Wichtig ist ihm dabei die Garantie, anschließend wieder in Vollzeit arbeiten zu können. „Sonst wäre ich wahrscheinlich gar nicht auf die Idee gekommen, in Teilzeit zu gehen“, erklärt Becker.

Ständige Herausforderung

Wie genau die neue Regelung in seinem Betrieb Anwendung finden wird, das kann Becker noch nicht absehen. Auch wie viel er weniger verdienen würde, ist noch nicht sicher, doch für Becker ist klar: „Ich komme lieber mit weniger Geld nach Hause und habe dafür mehr Zeit mit meinem Sohn.“ Er würde sich wünschen, einen Tag mehr pro Woche freizubekommen. Zeit, die er dringend benötigt. Seine Frau arbeitet als Finanzbuchhalterin derzeit noch im Home-Office, doch auch das könnte sich bald ändern. Zudem lebt ihre Oma noch mit ihm Haus und auch ihr Onkel bedarf gelegentlicher Unterstützung. So gerät das Familienleben zur ständigen Alltagschoreografie. Eine Herausforderung, die er mit vielen anderen teilt, die zwischen Familiengründung und Elternpflege stehen.

Inzwischen sind Frau und Sohn zu Hause angekommen und eilen ins Kinderzimmer. Die Familie genießt jeden Augenblick: „Die Entwicklung des Kindes mitzuerleben ist das Größte“, betont Becker. All das möchte er nicht verpassen.

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