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Das Kunstprojekt "I show flag": Warum Frauen sich ihren Intimbereich in Gips verewigen lassen

Künstler Mirko aus dem Main-Kinzig-Kreis macht Gipsabdrücke des weiblichen Intimbereichs. Das klingt nach einem skurrilen Hobby, ist jedoch ein Kunstprojekt namens „I show flag“, das das weiblichen Geschlechts enttabuisieren und seine Vielfalt zelebrieren soll. Wir sind dabei, als Diana (37) und Sabine (25) sich in Gips verewigen.
Bilder > Foto: M. Hecht

Sabines schwarzes Sommerkleid mit den weißen Blumen ist bis zur Taille hochgeschoben, die Beine sind geöffnet, untenrum ist sie nackt. Sie liegt erhöht auf zwei sterilisierten Luftmatratzen in der Mitte des Raums bei Mirko zu Hause. Hier hat er sein Atelier. Es ist noch etwas provisorisch eingerichtet. Der Künstler ist erst vor Kurzem mit seiner Frau und Tochter von Hamburg zurück in die hessische Heimat gezogen. Der Raum ist hell und freundlich. An der Wand hinter Sabine hängen bereits fertige Gips-Skulpturen, auf der Fensterbank und weißen Kommoden stehen noch weitere Vulva- und Penisabdrücke. Bunt lackiert, eingerahmt oder auf einem Sockel stehen sie, provokant, doch edel.

Intime Kunst

Vor ihr arbeitet Mirko. Er ist leger mit weißem T-Shirt und Jogginghose gekleidet. Die Hände in den blauen Handschuhen arbeiten schnell und gewissenhaft. Neben dem Künstler stehen die Gipsbinden griffbereit. Neugierig hebt Sabine ihren Kopf mit einer Hand an, da sie sich nicht allzu sehr bewegen darf,  um zu sehen, wie Mirko das gelbe Alginat auf ihrem Venushügel und den Schamlippen verstreicht. Ihre Freundin Diana steht daneben und schaut zu.
 

 Zugegebenermaßen eine skurrile Situation. Und so bizarr, dass die anfängliche Anspannung schnell verfliegt. Sabine wartet geduldig, bis Mirko die zähe Masse aufgetragen hat. Das Alginat sei kalt, sagt sie und fühle sich weich und schwer auf der Haut an. Alginat ist ein Naturprodukt aus Algen, das Ärzte auch für Zahnabdrücke nutzen. Es wird mit Wasser angerührt und dann muss schnell gehandelt werden, da es binnen ein bis zwei Minuten austrocknet.

Es hat nichts Sexuelles und nichts vom Frauenarzt

Mirko ist höchst konzentriert bei seiner Arbeit, jeder Griff ist bedacht. Nach dem Alginat folgen Gipsstreifen zur Stabilisierung. Sabine ist das erste Model, Diana das Zweite. Beide sind rasiert. Von beidem wird ein Abdruck mit offenen und einer mit geschlossenen Beinen gemacht.
 



Während Mirko die Abdrücke macht sprechen sie über Alltägliches, erzählen sich von ihren Familien und tauschen Erfahrungen über ihre Haustiere aus. Da kann Mirko als Tierarzt Diana gleich noch ein par Ratschläge für ihre Katzen mitgeben. Die Atmosphäre ist entspannt und offen, frei von Scham. Diana empfindet den Abformungsprozess als angenehm: Das Alginat nehme schnell die Körpertemperatur an und auch die  Abnahme tue nicht weh. Das Negativ lässt sich leicht von der Haut abziehen. Zu Beginn waren beide Frauen skeptisch, sich einem fremden Mann zu offenbaren, doch schnell war klar: Mirko ist ein Netter.
 



Die Freundinnen sind zwei Stunden mit dem Auto aus Franken angereist, um an dem Projekt „I show flag“ teilnehmen zu können. Sabine ist über Instagram auf den Künstler aufmerksam geworden. Beide sind begeistert. Sie sehen es als Chance, endlich mal das Körperteil von anderen Frauen anschauen und auch vergleichen zu können. „Männer können ja einfach an sich runter schauen und sehen ihren Penis, doch eine Frau kann sich verdrehen wie sie will“, dabei schaut Diana an sich hinunter und stellt ernüchternd fest „und sieht trotzdem nichts“.

Motivation ist die Grenzerfahrung

Diana erzählt offen, dass sie selbst ein Problem mit der Größe ihrer Schamlippen habe und bereits über einen operativen Eingriff nachdachte. Sie hat eine Tochter und weiß, dass der Intimbereich und das Wohlfühlen im eigenen Körper auch bei Jugendlichen ein Thema ist. Darum findet Diana es wichtig, zu zeigen, dass jede Frau einzigartig ist und vor allem normal. „Nicht jeder ist perfekt und hat einen Pfirsich als Vulva, so wie das Idealbild, das durch die Medien vermittelt wird.“



Viele erwachsene Frauen umschreiben ihr Genital mit Worten wie „da unten“, „Mumu“ oder fälschlicherweise auch Vagina. Der Begriff beschreibt eigentlich nur das innere Organ. Mirko selbst fasziniert die Vielfalt des weiblichen Geschlechts und seine Ästhetik.

Offen über das Tabu sprechen

„Es gibt keine hässliche oder besonders schöne Vulva. Im Gegenteil, sie homogenisiert alle auf Mensch, alle auf Frau, ohne Vorbehalte auf Ethnizität, Alter, Hautfarbe, Aussehen oder Religion“, erklärt der 42-Jährige „und das ist das Statement von „I show flag“, alle sind einzigartig und schön.“ Er würde das gleiche auch mit Männern machen, doch ist es schwerer einen Mann abzuformen, nicht zuletzt wegen der meistens starken Behaarung, die sich im Alginat verfängt.

 



Alles hat angefangen mit einer weißen Wohnzimmerwand, die gestaltet werden sollte. Künstler Mirko liebt Modellbau, Design und Individualität, wie man auch unschwer an seiner Wohnung erkennt. An der Decke des Arbeitszimmers hängt eine Lampe im Industrial Style aus  Rohren und mit Flaschen als Lampenschirme und an der Wand ein Bücherregal in dem gleichen Stil, beides selbstgezimmert.

Inspiriert vom Künstler Jamie McCartney

Über das Internet entdeckte er den britischen Künstler Jamie McCartney und seine „Great Wall of Vagina“. Inspiriert davon, kreierte er sich eine ausgefallene Installation aus 66 Vulva-Abdrücken aus seinem Freundeskreis, seine eigene „Wall of Vagina“. So kam es, dass 2014  eine Couchsurferin so begeistert von seiner Installation war, dass sie gerne einen Abdruck in ihren Landesfarben haben wollte. Sie wollte „Flagge zeigen“ für ihr Land,  „I show flag“ war geboren.

 

Zuerst war es sein Ziel, alle Länder und Deutschlands Bundesländer zusammenzubekommen. Inzwischen hat er 32 Länder und 13 Bundesländer. Doch hat sich das Projekt ausgedehnt, er bemalt die Abdrücke nicht mehr nur mit Länderflaggen, sondern mit allem wofür, ihre Trägerinnen stehen, für ihre Herzensangelegenheit: Umweltschutz, Pressefreiheit, Frieden. Doch momentan fertigt er am liebsten unbemalte Abdrücke, um dem sinnlichen Formen der Vulva Raum zu geben. Auch Dianas und Sabines Abdrücke bleiben weiß.

253 Modelle weltweit

Insgesamt hat Mirko nun 253 Vulven weltweit abgeformt. Diana und Sabine liegen mit ihrem Alter im Durchschnitt, die meisten Modelle sind zwischen Mitte zwanzig bis Ende dreißig. Die Jüngste war 18 Jahre und die älteste Teilnehmerin 67 Jahre alt. Einige Skulpturen stehen bereits in der frivolen Bar „Cheers“  und im Swingerclub „Why Not“  hängen weitere acht Installationen, beides in Hamburg.

Mirko kann sich auch vorstellen, in Arztpraxen auszustellen. Aber es ist nicht nur der Intimbereich, der Mirko interessiert: Er verewigt auch Bäuche von Schwangeren oder beschäftigt sich mit Händen, wie in seinem neusten und weniger kontroversen Projekt „Flying Hands“.  

 



Eine halbe Stunde nach dem Abguss ist der Gips getrocknet. Als Sabine ihren Abdruck in der Hand hält und sich selbst ungehindert betrachtet, findet sie ihr Genital gar nicht mehr so schlimm. Die Idee einer Operation ist vom Tisch.

von Desiree Schneider.
 
 

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