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Razzia: Transsexuelle aus Thailand wurden in Bordelle eingeschleust

Mehr als 1500 Polizisten im Einsatz, darunter auch Spezialeinheiten: Bei einer Razzia gegen mutmaßliche Menschenhändler werden gestern mehr als 60 Bordelle durchsucht. Die Beschuldigten sollen vor allem Transsexuelle aus Thailand eingeschleust haben.
Bundesweite Razzia gegen Organisierte Kriminalität Foto: Boris Roessler (dpa) Vermummte Beamte der Bundespolizei stehen während einer Razzia vor einem Bordell. Mit einer groß angelegten Aktion ging die Bundespolizei gegen Organisierte Kriminalität vor.
Frankfurt. 

Die Polizei kommt am frühen Morgen, als die meisten Kunden die Bordelle schon verlassen haben dürften: Beamte mit Gesichtsmasken und schusssicheren Westen, darunter Mitglieder von Spezialeinheiten und der GSG 9. Bundesweit durchsuchen mehr als 1500 Beamte Bordelle, sichern Computer-Festplatten, Handys und anderes Material. Es ist die größte Razzia seit Bestehen der Bundespolizei. Im Ziel der Ermittler stehen mutmaßliche Menschenhändler, die thailändische Frauen und Transsexuelle nach Deutschland gebracht haben sollen, damit sie hier in Bordellen arbeiten.

In Hessen gab es Durchsuchungen in Gießen, Wiesbaden, Wetzlar, Kassel, Maintal und anderen Orten. Insgesamt wurden zehn Objekte im Land durchsucht, so die Ermittler. Am Anfang stand ein Ermittlungsverfahren in Hanau. „Wir haben sehr schnell festgestellt, dass hier Strukturen Organisierter Kriminalität vorlagen“, sagt Alexander Badle, der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, die nun die Ermittlungen führt. Ein regelrechtes Netzwerk von Bordellbetreibern habe mit den mutmaßlichen Hauptorganisatoren der Schleuser im nordrhein-westfälischen Siegen zusammengearbeitet.

Die mutmaßlichen Schleuser spezialisierten sich offenbar auf ein ganz spezielles „Angebot“ für die Kunden der Bordelle: „Ein klarer Schwerpunkt waren Transsexuelle“, sagt Badle. Beteiligte Bordelle hätten im Internet mit diesem „Nischenangebot“ geworben. Bei den Durchsuchungen seien außer thailändischen Frauen auch Prostituierte angetroffen worden, die laut Passeintrag Männer seien, sagt Badle. „Wir richten uns nach dem Pass – der äußere Anschein kann trügen.“

Die meisten, die mit Schengen-Visa nach Deutschland einreisten und dann in den Bordellen anschafften, wussten, wie ihre Arbeit in Deutschland aussehen würde: „Es gab keine Täuschung über den Zweck der Reise“, sagt Badle. Was die Prostituierten nicht wussten: Für die Schleusung, Kost und Logis wurde ihnen erst einmal eine gesalzene Rechnung präsentiert. Schulden in Höhe zwischen 16 000 und 36 000 galt es abzuarbeiten. „Hier ist massiv mit Druck gearbeitet worden“, sagt Staatsanwalt Badle.

Auch diejenigen, die bereits in der thailändischen Heimat im Rotlichtmilieu gearbeitet und sich vielleicht in Deutschland bessere Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten versprochen hatten, sahen sich mit einer eher harschen Realität konfrontiert. „Diese Bordelle waren keine Luxushäuser, das war das untere Segment, auf eher einfache Bedürfnisse ausgerichtet“, fasst Badle zusammen. Einige der Häuser lagen in Gewerbegebieten, die Zimmer waren teils äußerst einfach, heißt es. „Da wurde über die Masse Gewinn gemacht.“

Knallhartes Prinzip

Für die Prostituierten bedeutet das: Mehr Kunden, die bedient werden müssen, um das für die Abarbeitung der Schulden verdiente Geld herbei zu bekommen. Nach den Erkenntnissen der Ermittler wurden sie im Rotationsprinzip zwischen den Bordellen ausgewechselt. „Das ist knallhart“, sagt Badle. „Wenn eine Prostituierte nicht mehr gefragt ist, wird sie ausgetauscht.“

Für ausländische Frauen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind, erschwert das häufig die Situation, sagt die Sozialarbeiterin Babette Rohner von der Berliner Beratungsstelle Ban Ying, die sich um Opfer von Menschenhandel kümmert, besonders um Thailänderinnen. „Manche kommen alle drei bis vier Wochen in ein neues Bordell und wissen häufig nicht einmal, in welchem Land sie sich befinden.“

Ungewisse Zukunft

Auch Frauen, denen bewusst sei, dass sie in Deutschland der Prostitution nachgehen würden, fänden sich häufig mit einer ganz anderen Situation konfrontiert, sagt Naile Tanis, Geschäftsführerin des Koordinationskreises gegen Menschenhandel: „Letztlich sind sie betrogen und ausgenutzt.“ In Ermittlungen und Fällen von Menschenhandel sollte die Perspektive der Opferrechte stärker berücksichtigt werden. „Was uns noch fehlt, ist eine ausreichende Entschädigung für die Opfer“, sagte Tanis. Wichtig sei ein Aufenthaltsrecht unabhängig von der Kooperationsbereitschaft der Betroffenen.

Was mit den Prostituierten in den Bordellen der mutmaßlichen Schleuser geschehen wird, ist zunächst noch nicht bekannt. „Es gilt jetzt erst einmal, den Aufenthaltsstatus zu prüfen“, sagt Badle. Bereitschaft zur Zeugenaussage kann immerhin die Hoffnung auf Duldung schüren.

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