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Immissionsschutz: Dauerlicht ist für Umwelt der helle Wahnsinn

Hessen ist vielerorts zu hell. Das ist störend für Anwohner und eine Gefahr für nachtaktive Tiere. Ausgerechnet sparsame Techniken verschärfen das Problem. Allmählich beginnt aber ein Umdenken.
Frankfurter Skyline Foto: Boris Roessler (dpa) Überall Licht: Die hellbeleuchtete Frankfurter Skyline ist zwar ein schöner Anblick, die so aufgehellten Nächte können aber Mensch und Tier schaden.
Frankfurt. 

Das Massensterben setzt Nacht für Nacht ein. Insekten umschwirren Straßenlaternen und können dem Sog des Lichtscheins nicht entkommen. Irgendwann verenden die Tiere oder verglühen. „Hochrechnungen zufolge können pro Straßenlaterne etwa 150 Insekten in einer Nacht zu Tode kommen“, sagt Klaus Richarz vom Naturschutzbund Hessen. Das sei einer der Gründe des alarmierenden Insektenschwundes. Hessens hell erleuchtete Nächte können zudem Zugvögeln schaden, dem Schlaf der Menschen – und dem Klima sowieso. Das Land wirbt daher fürs Umsteuern.

Energie verschwendet

„Wir wollen die überbordende Lichtverschmutzung eindämmen und damit einen Beitrag zum Schutz und dem Erhalt der Artenvielfalt leisten“, sagt Umweltministerin Priska Hinz (Grüne). Auch der Klimaschutz soll davon profitieren. Mit einer neuen Info-Broschüre will das Land insbesondere Industrie und Gewerbe für die Folgen der sogenannten Lichtverschmutzung sensibilisieren.

Hell erleuchtete Schaufenster, obwohl nachts um drei niemand mehr durch die City bummelt. Greller Lichtschein auf verwaisten Supermarktparkplätzen oder bunte Werbetafeln, die weithin sichtbar in den Himmel strahlen: Es gibt viele Beispiele im Land, wo Licht und Energie verschwendet werden. Und natürlich sorgen auch Kommunen und Privatleute für vermeidbaren Lichterglanz auf Straßen, in Gärten oder an Hausfassaden.

Messungen bei Bedarf

Im geringsten Fall ist die Helligkeit störend. Lichtverschmutzung kann aber auch die Gesundheit beeinträchtigen. Gründe, weswegen die Behörden das Licht im Auge behalten und bei Bedarf Messungen durchführen. Beschwerden von Anwohnern richten sich dann überwiegend gegen Leuchtreklamen, die die ganze Nacht angeschaltet sind, oder gegen die Hofbeleuchtung von Fuhrparks, wie das Regierungspräsidium (RP) Gießen berichtet. Die RPs sind für den Immissionsschutz zuständig. Das RP in Darmstadt listet Beschwerden auf, bei denen es um vermeintlich zu helle Werbetafeln an Tankstellen oder Hochhäusern geht. Es sei aber selten, dass sich Anwohner meldeten.

Für Hessens Unternehmen spielen zwar Nachhaltigkeit und Energiesparen eine wichtige Rolle, wie es bei der Industrie- und Handelskammer Lahn-Dill (IHK) heißt. Die Lichtverschmutzung stehe dabei aber nicht oben auf der Agenda. Das Thema Licht werde vor allem unter dem Aspekt Energiesparen betrachtet. Zudem sei eine ausreichende Beleuchtung aus Sicherheitsgründen für die Betriebe wichtig. Die IHK Lahn-Dill kümmert sich nach eigenen Angaben hessenweit für die Industrie- und Handelskammern um den Bereich Umwelt.

Ob Unternehmen, Kommunen oder Bürger – klar ist: „Wer Kunstlicht zurückhaltend und bedarfsorientiert einsetzt, zeigt gesellschaftliche Verantwortung und spart in vielen Fällen gleichzeitig Energiekosten“, betonen die Experten in ihrer Broschüre. Etwa, indem Lampen nur die halbe Nacht brennen oder so abgeschirmt sind, dass sie allein den gewünschten Bereich erhellen.

Mittlerweile wird landesweit häufig zu sparsameren Alternativen wie LED-Technik gegriffen – allerdings mit paradoxen Folgen: Trotz der Umstellung auf solche energieeffizienten Leuchtmittel sei der Gesamtverbrauch und die Lichtverschmutzung in den vergangenen Jahre gestiegen, teilt das Umweltministerium mit. „Denn häufig wird nun mehr, heller und länger beleuchtet.“

Fulda schaltet ab

Dass es anders geht, will in Hessen unter anderem die Stadt Fulda beweisen. Sie bewirbt sich um die internationale Auszeichnung „Dark Sky City“ (etwa: Dunkler-Himmel-Stadt). Die osthessische Kommune will damit nicht nur „nachhaltiger, optimierter und effizienter“ für Beleuchtung sorgen. Sie liegt in Nachbarschaft des „Sternenparks“ im Biosphärenreservat Rhön, wo es besonders dunkel ist und es nicht zuletzt für die nächtliche Himmelsbeobachtung auch bleiben soll. Als größte Stadt im Umkreis wolle man auch für die Nachbarn die Lichtverschmutzung reduzieren, sagt Stadtsprecher Johannes Heller.

Fulda hat demnach bereits etwa zehn Prozent der öffentlichen Leuchten auf LED-Technik umgerüstet. Viele Lampen brennen zudem nicht die ganze Nacht oder in gelber Lichtfarbe. Zudem plant die Kommune eine Lichtsatzung, die auch Richtlinien für Gewerbetreibende beinhalten soll. Manchmal sorgen schon wenige Handgriffe für mehr Dunkelheit, sagt Heller. „Es kann schon reichen, dass ein Strahler um zehn Grad gekippt wird.“ Für einfache Maßnahmen sprechen sich auch Naturschützer wie Klaus Richarz aus. Die Faustregel sei: „Nur so viel Licht wie nötig nutzen, weil das Mensch und Tier hilft.“

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