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Ausbruchrisiko: Afrikanische Schweinepest: Angst vor einer alten Gefahr

Von Seit rund einer Woche geht die Angst vor der Schweinepest um, auch in Hessen. Dabei hat sich die Gefahr, dass die Seuche nach Deutschland kommen könnte, in den vergangenen Monaten gar nicht erhöht. Wie das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit auf Nachfrage dieser Zeitung mitteilte, ist das Risiko eines Ausbruchs des Virus in Deutschland sogar schon seit Jahren bekannt.
Wildschschwein Foto: Bernd Settnik (dpa-Zentralbild) Um ein Übergreifen der Seuche auf Deutschland zu stoppen, fordert der Bauernverband eine drastische Ausweitung der Jagd auf Wildschweine.
Frankfurt. 

Es klingt nach einer neuen Gefahr: Die afrikanische Schweinepest rolle auf Deutschland zu. Der Bundeslandwirtschaftsminister ruft zu strikten Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen auf und auch die Bundesländer reagieren: So hob Hamburg bereits die Schonzeit für Wildschweine auf, um den Bestand präventiv zu reduzieren. Hessen entschied sich gegen diesen Schritt, da der Großteil der Wildschweine hier ohnehin das ganz Jahr über bejagt werden dürfe, wie das Umweltministerium in dieser Woche mitteilte (wir berichteten).

Gestern forderte aber auch der Deutsche Bauernverband, 70 Prozent der deutschen Wildschweine vorsorglich abzuschießen. In Hessen wären das mehr als 43 000 Wildschweine. Ein Handeln scheint dringend erforderlich, meint auch die FDP im Landtag. Die Liberalen rufen in einer Pressemitteilung von gestern die Landesregierung auf, präventive Maßnahmen zu ergreifen und schreibt: „Die Gefahr der weiteren Ausbreitung der ASP wird immer größer.“

Der Eindruck täuscht

Doch der Eindruck täuscht: „Wir sind sehr überrascht, warum das Thema gerade jetzt so hochkocht“, erklärt Diplom-Biologin Elke Reinking vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit (Friedrich-Löffler-Institut) in Greifswald. Bereits seit dem ersten Ausbruch der afrikanischen Schweinepest (ASP) in Georgien im Jahr 2007 habe man die Gefahr auf dem Schirm. Nachdem das Virus 2014 im Baltikum und in Polen auftrat, gehen die Experten davon aus, dass es jederzeit auch nach Deutschland eingeschleppt werden kann. Seitdem warnt das Institut vor der Tierseuche. Doch lediglich in Fachblättern und auf Fachtagungen fand eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Gefahr statt. Das große mediale Warnen blieb aus.

Zumal das Risiko abstrakt blieb. Denn in den Folgejahren war keine weitere Ausbreitung zu beobachten: „Es ist schwierig die Aufmerksamkeit hochzuhalten, wenn lange nichts Neues passiert“, berichtet Reinking. Erst als es im Juni vergangenen Jahres Schweinepestfälle in Tschechien, nur 300 Kilometer von der Deutschen Grenze entfernt, gab, habe das Thema neue Brisanz erhalten.

Zusammen mit dem deutschen Jagdverband gab das Friedrich-Löffler-Institut fortan einen Maßnahmenkatalog für Landwirte heraus. Darin erfahren diese, welche Möglichkeiten es gibt, um Schlimmeres zu verhindern, sollte eines ihrer Schweine am Virus erkrankt sein. Seit dieser Zeit dürften sich die meisten Landwirte der Gefahr bewusst sein, schätzt Reinking und beruhigt: „Bei denen, die es betrifft, ist es längst präsent.“ Das bekräftigt auch Christoph Süß, Pressereferent des Regierungspräsidiums in Darmstadt: „Als Teil eines EU-weiten Monitoring-Systems beobachten wir die Schweinepest schon seit 2014.“

Auch wenn der aktuelle mediale Hype anderes vermuten lässt: Die neuste Risikobewertung des Friedrich-Löffler-Instituts gilt seit dem 12. Juli 2017. Darin heißt es: „Das Risiko des Eintrags von ASP nach Deutschland durch illegale Verbringung und Entsorgung von kontaminiertem Material wird als hoch eingeschätzt.“

So gilt der Mensch als größter Risikofaktor bei der Verbreitung des Virus. Die Experten sprechen dabei von der sogenannten Wurstbrot-Theorie. Dabei überträgt sich das Virus über in der Landschaft entsorgte Essensreste. Zwar dürfen kranke Tiere nicht zu Nahrung verarbeitet werden, da die Inkubationszeit aber wenige Tage betrage, könne es durchaus passieren, das infizierte aber noch gesunde Tiere in die Nahrungsverarbeitung gelangen.

Unsachgemäß entsorgt

Wird ein solches Stück Fleisch dann unsachgemäß im Wald oder am Straßenrand entsorgt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich ein Wildschwein daran bedient und ansteckt. Zwar kann das Virus auch von Schwein zu Schwein übertragen werden, eine Ausbreitung über weite Strecken würde so aber sehr lange dauern: „Der Faktor Mensch kann das sehr beschleunigen“, erklärt Reinking. Ein Ausbruch der Schweinepest ist meldepflichtig und führt nahezu immer zum Tod des Tieres. Nach den Fällen 2007 in Georgien unternahm das Friedrich-Löffler-Institut erste Studien. Bis dato seien die Experten noch davon ausgegangen, dass das Virus so schnell bei Tieren zum Tod führe, dass kaum Zeit zum Verbreiten bleibt, erklärt Reinking.

Erst durch die Studien hätten die Wissenschaftler festgestellt, dass das Virus mit einer Zeitspanne von zwei bis zehn Tagen deutlich langsamer zum Tod führe als bisher angenommen. Eine gute Nachricht war das jedoch nicht, denn durch die längere Krankheitszeit können die Infektionsketten deutlich länger sein, wodurch sich das Virus entsprechend weiter ausbreiten kann. Für den Menschen ist der Schweinepest-Virus harmlos. Bisher hat sich noch nie ein Tier in Deutschland mit der afrikanischen Schweinepest infiziert.

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