Ist es noch ratsam in die Türkei zu reisen?

Soll man jetzt noch in die Türkei reisen? Einerseits ist Badeurlaub dort so günstig wie kaum anderswo in Europa, bei Topqualität der Hotels. Andererseits sind da die Hetze Erdogans gegen Deutschland und die Gefahr willkürlicher Verhaftungen. Die Argumente.
Ob günstige Hotels oder Gastfreundschaft - es gibt gute Gründe, in der Türkei Urlaub zu machen. Doch die Gefahr willkürlicher Festnahmen spricht dagegen. Foto: Marius Becker/dpa Ob günstige Hotels oder Gastfreundschaft - es gibt gute Gründe, in der Türkei Urlaub zu machen. Doch die Gefahr willkürlicher Festnahmen spricht dagegen.
Berlin. 

Urlaub in der Türkei? „Man kann das nicht mit gutem Gewissen machen zurzeit”, sagt der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel.

Die Lage ist ernst: Mehrere Terroranschläge, ein zunehmend autoritärer Präsident Erdogan mit ausfälligen Kommentaren in Richtung Deutschland - und nun auch noch die Gefahr willkürlicher Festnahmen von Deutschen. Gleichzeitig sind die Hotels von bester Qualität und die Preise niedrig. Türkei-Urlaub - ja oder nein?

KONTRA: Was spricht gegen Türkei-Urlaub?

Das Auswärtige Amt (AA) weist explizit auf die Gefahr hin, dass auch Privatreisende in der Türkei ohne Gründe festgesetzt werden können. Konsularische Hilfe? Wahrscheinlich nicht möglich. Zuletzt berichtete „Spiegel Online” von einem deutschen Rucksackreisenden, dem die Einreise verweigert wurde. Er verbrachte laut Bericht drei Nächte in einer Arrestzelle am Flughafen. Auf entsprechende Fälle verweist auch das AA in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen.

Darüber hinaus sieht die Lage so aus: Oppositionelle und Journalisten sitzen im Gefängnis, Präsident Erdogan teilt unverändert gegen Deutschland aus, will seine Macht ausbauen. Das klingt nicht nach einem Land, in dem man gerne seine Ferien verbringen möchte. „Als Urlauber würde ich mich in so einer Umgebung nicht wohlfühlen”, meint Prof. Marie-Luise Raters, Dozentin für Ethik an der Universität Potsdam. Als Urlauber habe man eine moralische Verantwortung.

Der Tourismusforscher Prof. Torsten Kirstges von der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven betont zwar, dass es weltweit auch andere Länder gibt, in denen das politische System fragwürdig sei - und die man deshalb streng genommen auch nicht mehr bereisen dürfte. „Allerdings ist die Türkei ständig in den Schlagzeilen und präsent”, sagt er. Außerdem gebe es eine deutsche Betroffenheit, etwa durch die Inhaftierung des „Welt”-Journalisten Deniz Yücel.

Kurzum: Das ganze Gebaren Erdogans und das Risiko, auch als normaler Urlauber ins Visier der türkischen Behörden zu geraten, macht die Türkei als Reiseziel für viele derzeit schlicht indiskutabel.

PRO: Was spricht für Türkei-Urlaub?

Zwei gewichtige Argumente führt die deutsche Reiseindustrie ins Feld, wenn es um Gründe für einen Türkei-Urlaub geht: Zum einen ist das der gute Preis, zum anderen die Gastfreundschaft.

Tui betont, in der Türkei gebe es das beste Preis-Leistungs-Verhältnis im gesamten Mittelmeerraum. Der Spezialist Öger Tours rechnet vor: Urlaub in einem sehr guten Hotel in der Türkei sei im Durchschnitt um bis zu 40 Prozent günstiger als ein vergleichbarer Urlaub zum Beispiel in Spanien. Der Reisepreis ist vor allem für Familien mit knappem Budget ein wichtiges Argument. Viele türkische Hotels bieten All-inclusive-Angebote.

Und dann ist da die viel beschworene Gastfreundlichkeit der Türken, die so gar nicht zu Erdogans scharfer Rhetorik passt. Tui etwa verweist auf die hohe Gästezufriedenheit der Türkei-Urlauber.

Die Türken sollte man nicht kollektiv bestrafen, lautet ein weiteres Argument. „Ein Boykott eines Landes schadet meist nicht der Regierung, sondern vor allem den Menschen, die ihren Lebensunterhalt aus dem Tourismus beziehen”, so der Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV), Norbert Fiebig.

Und das Thema Sicherheit? Prof. Kirstges weist darauf hin, dass das Risiko eines Terroranschlags in der Türkei nicht unbedingt höher sein dürfte als in vielen anderen Ländern. „Opfer eines Anschlags kann man auch im hohen Norden Europas werden.”

(Von Julia Naue und Philipp Laage, dpa)
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