Mit Schiff und Bahn: Den Troll-Zauber, Fjorde und Hochebenen Südnorwegens entdecken

Es ist ein besonderes Erlebnis, mit einem Fährschiff durch die Fjorde Südnorwegens zu fahren und Norwegen per Bahn kennenzulernen.
Es ist ein besonderes Erlebnis, mit einem Fährschiff durch die Fjorde Südnorwegens zu fahren und Norwegen per Bahn kennenzulernen. Bilder > Foto: Holger Vonhof Es ist ein besonderes Erlebnis, mit einem Fährschiff durch die Fjorde Südnorwegens zu fahren und Norwegen per Bahn kennenzulernen.

Kapitän Anders Emil Dancker reibt sich über die Nase, blickt durch die große Scheibe der Brücke in die unvergleichliche Schönheit des Fjords und sagt: „Ob mit dem Schiff oder mit dem Zug, in dieser Szenerie zu reisen macht einfach Spaß.“

Der Däne musste sich entscheiden: Eisenbahner oder Seemann. Er wurde Seemann. Sein Vater war Bahn-Enthusiast. Mit ihm ist er als Kind auf der Bergensbanen gefahren, zu einer Zeit, als der Winter dort noch Züge stoppen konnte und der Lokführer immer ein kleines Heizöfchen zur Sicherheit im Führerstand seiner Lok hatte.

Heute ist die Bergensbanen nicht mehr so urtümlich und naturgewaltig, aber immer noch eine der schönsten Bahnstrecken der Welt – bequem zu genießen aus gut geheizten Großraum- oder Abteilwagen. Doch Kapitän Dancker rät noch immer: „Gehen Sie in Finse aus dem Zug und atmen sie tief ein. Eine solche Luft haben Sie noch nicht geatmet.“

Finse ist nur mit dem Zug erreichbar

Finse ist der zentrale Bahnhof auf der Strecke, liegt einsam auf einem Plateau und ist nur mit dem Zug zu erreichen. Keine Straße führt zum höchstgelegenen Bahnhof Nordeuropas, auf 1222 Meter, am Nordrand der Hardangervidda, unweit des Gletschers Hardangerjøkulen. Etwa 300 Menschen leben in Finse. Überschaubar.

Knapp 100 Mann Besatzung hat hingegen Kapitän Dancker in der Saison auf seinem Schiff, der „Stavangerfjord“, fast ausschließlich Dänen. Die „MS Stavangerfjord“ und ihr Schwesterschiff, die „MS Bergensfjord“, sind so etwas wie Zubringer zur Bergensbanen, auch wenn das dem eigenständigen Erlebnis, mit den Fährschiffen durch die Fjorde Südnorwegens zu fahren, nicht ganz gerecht wird.

Auch zu den berühmten Hurtigruten nach Bergen bringen die beiden Fähren der Fjord Line Passagiere, die es hoch ans Nordkap zieht, die aber ihr eigenes Fahrzeug dabei haben möchten. Es ist ein entschleunigter Weg, in die süchtig machende Welt der Trolle einzutauchen, sich an Schären und Fjorde heranzutasten.

Gebaut wurde die „Stavangerfjord“ auf der berühmten Fosen-Werft, wo auch die Hurtigruten-Schiffe fit für den Nordatlantik gemacht werden. Doch die Schwesterschiffe der Fjord Line sind moderner; sie fahren nicht mit Schweröl, sondern mit Flüssiggas (LNG). Das kommt der reinen nordischen Luft zugute, von der Kapitän Anders Emil Dancker so schwärmt.

„Einer der saubersten Antriebe“, sagt der Däne und schaut in die Ferne, wo irgendwann die Häuser von Bergen auftauchen, Ausgangspunkt der Bergensbanen. Die 516 Kilometer lange Bahnstrecke ist kein Mittel der Fortbewegung, sie ist eine eigenständige Attraktion. Sie führt vom Seehafen Bergen über die größte Hochebene Europas, die Hardangervidda, und verläuft dabei über eine Strecke von etwa 100 Kilometern oberhalb der Baumgrenze. Vom Bahnhof Myrdal zweigt die Flåmsbana zum Aurlandsfjord ab.

Bis 1957 wurden Dampflokomotiven eingesetzt, dann Dieselloks. Seit 1964 ist die Strecke vollständig elektrifiziert. Ziel der etwa sieben Stunden langen Fahrt ist Oslo, die größte Stadt Norwegens. Im Ballungsraum Oslo leben rund 1,9 Millionen Menschen, mehr als ein Drittel der  gesamten Bevölkerung des Landes von rund 5,1 Millionen Menschen.

Ein Kosename der Stadt ist Tigerstaden (Tigerstadt) nach einem Gedicht von Bjørnstjerne Bjørnson, „Sidste Sang“, aus dem Jahr 1870. Bjørnson, der wie fast alle Norweger eher das geruhsame Leben schätzte, beschrieb Oslo als gefährliche und unbarmherzige Stadt. Vor dem Bahnhof erinnern Tigerskulpturen an diesen Namen, der alles Negative längst verloren hat.

Aber Oslo hat den Tigersprung geschafft, zeigt sich modern mit seinem von Designern zum stylischen Wohnquartier umgebauten Hafenviertel Tjuvholmen („Diebesinsel“) und dem mit einem geschwungenen Glasdach versehenen Astrup Fearnley Museet, dem Museum zeitgenössischer Kunst, das im Kontrast zur kanonenbewehrten Festung Akershus auf der anderen Seite der Bucht steht.

Nachts leuchtet über der Stadt der Lichtfleck der Skisprungschanze Holmenkollen; noch etwas höher in den Bergen, die die Stadt umgeben, lassen es sich Einheimische wie Touristen im Restaurant „Frognerseteren“ schmecken, mit Blick aufs Lichtermeer der Stadt und die Schwärze der Bucht davor. „Frognerseteren“ ist ein mächtiges Holzgebäude im nordischen Stil, eingeweiht von Kaiser Wilhelm, der ein begeisterter Nordlandfahrer war.

Mit der „T-Bane 1“, einer Straßenbahn, geht es aus der Stadt hinauf. Der Geruch von Käsefondue zieht durch die Räume. „Viele Norweger haben in der Schweiz studiert und kommen jetzt immer wieder hierher, um das zu essen“, grinst Küchenchef Walter Kielinger. Er ist Schweizer, mit einer Norwegerin verheiratet, kennengelernt haben sie sich in Deutschland. Aber Kielinger ist auch einer der versiertesten Meister der nordischen Küche. Klippfisch-Boller und Dorschzunge zur Vorspeise, Elch oder Skrei, den nordischen Dorsch, als Hauptgericht, Apfelkuchen zum Dessert – kaum ein Wunsch bleibt offen.

Skandinavische Spezialitäten

Auch auf den Schiffen der Fjord Line wird hervorragend gekocht; auch hier liegt der Schwerpunkt auf skandinavischen Spezialitäten. Wer ganz urige Spezialitäten kennenlernen möchte, isst vor oder nach der Bahnfahrt in Bergen auf dem Fischmarkt, bevor er mit der Fløibahn, einer Zahnradbahn mit Schweizer Technik, auf den Hausberg Fløyen fährt, um sein Schiff unten im Hafen liegen zu sehen.

Komprimiertes Norwegenerlebnis

Die Fähren der Fjord Line sind die idealen Fortbewegungsmittel für eine Mini-Kreuzfahrt mit Bergensbanen, quasi für ein komprimiertes Norwegen-Erlebnis. Von Oslo aus geht es mit einer Regionalbahn nach Langesund, zu dem Fährhafen im Großraum der Hauptstadt.

Dort legt die Fähre um 14.30 Uhr ab und macht sich auf den Weg nach Nordjütland, ins dänische Hirtshals. In Hirtshals kann zusteigen, wer mit dem eigenen Auto aus Deutschland anreisen möchte.

Am nächsten Morgen läuft die Fähre zur Frühstückszeit in den Hafen Risavika bei Stavanger ein. Von dort geht es durch eine traumhafte Fjord- und Schärenlandschaft nach Bergen, das „Tor zu den Fjorden“, wo um 12.30 Uhr angelegt wird.

Die Bergensbanen verlässt die Stadt am nächsten Morgen um 7.57 Uhr, und am späten Nachmittag ist man wieder in Oslo. Wenn man nicht, wie Kapitän Anders Emil Dancker rät, in Finse ausgestiegen ist, um eine Nacht in der bis weit in den Frühling tief verschneiten Bergwelt zu verbringen oder das Bahnarbeiter-Museum zu besuchen, in dem schon der kleine Anders Emil Dancker mit seinem Vater war.

Übrigens: Im März 1979 wurden in Finse Teile des Star-Wars-Films „Das Imperium schlägt zurück“ gedreht, und in Finse spielt auch die Handlung des Kriminalromans „Der norwegische Gast“ von Anne Holt.

Für hartgesottene Eisenbahn-Fans, sogenannte Pufferküsser, gibt es nun nur noch ein Muss: die Flåmsbana.

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