Job-Diskriminierung: „Stolze” Arbeitgeber schwer zu finden

Hier ein uralter Schwulenwitz, da ein blöder Spruch über Frauen: In vielen Jobs ist das noch immer trauriger Alltag, auch wenn sich die Unternehmen offen und vielfältig geben. Für Bewerber ist es schwer, Theorie und Praxis zu trennen. Oft hilft nur nachzufragen.
Nicht nur Fahnen schwenken, sondern auch im Betrieb Flagge zeigen: Arbeitnehmer können oft nur schwer erkennen, welche Unternehmen wirklich aktiv gegen Diskriminierung kämpfen. Foto: Markus Heine Nicht nur Fahnen schwenken, sondern auch im Betrieb Flagge zeigen: Arbeitnehmer können oft nur schwer erkennen, welche Unternehmen wirklich aktiv gegen Diskriminierung kämpfen.
Berlin. 

Vielfalt darf nicht fehlen, zumindest in keiner Unternehmensbroschüre und auf keiner Firmenwebseite. Offen für alle sei man, eine große Familie, mit klaren Absagen an Diskriminierungen aller Art - sei es wegen des Geschlechts, der Hautfarbe und Herkunft oder sexuellen Orientierung.

Doch in der täglichen Job-Praxis nimmt längst nicht jeder Arbeitgeber die Vielfalt - oder moderner ausgedrückt: die „Diversity” - so ernst, wie er behauptet.„Unternehmen müssen nicht nur ausstrahlen oder behaupten, dass ihnen das Thema wichtig ist”, sagt Stuart Cameron. „Sie müssen es auch im Unternehmen leben.” Cameron ist Gründer und Chef von Sticks & Stones , einer Karrieremesse für LGBT-Arbeitnehmer. „LGBT” ist eine englische Abkürzung und steht übersetzt für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Sticks & Stones will „stolzen” Arbeitgebern eine Plattform geben, wie Cameron das nennt. Arbeitgebern also, die LGBT-Mitarbeiter nicht nur tolerieren, sondern aktiv wertschätzen.

Was heißt das konkret? „Ein Unternehmen muss zum Beispiel Ansprechpartner und Strukturen haben, an die sich Mitarbeiter bei Ärger wenden können”, sagt Cameron. „Und in großen Unternehmen gibt es vielleicht auch Förderprogramme oder eigene Netzwerke für LGBT-Mitarbeiter.” Denn ansonsten sei die Gefahr groß, dass es in der Praxis nicht so weit her ist mit der Wertschätzung. Das Hohelied der Vielfalt findet sich dann im Internet, im Alltag klopfen die Kollegen aber doch wieder homo- oder transphobe Sprüche - ohne das LGBT-Mitarbeiter sich dagegen wehren können.

Was also tun? Erstens können sich LGBT-Mitarbeiter - oder andere Arbeitnehmer, denen Vielfalt wichtig ist - umhören. Über persönliche Kontakte zum Beispiel, vielleicht über Karriere-Netzwerke und Bewertungsplattformen im Netz. „Das klappt aber eher bei kleinen Unternehmen”, sagt Cameron. Große Firmen haben zwar mehr Mitarbeiter zum Befragen, deren Antworten haben aber möglicherweise eher geringen Wert. Denn je größer das Unternehmen, desto größer die Unterschiede in Sachen Wertschätzung von Abteilung zu Abteilung, so Cameron.

Und wer sich traut, kann es auch im Bewerbungsgespräch ansprechen, dass ihm gelebte Vielfalt wichtig ist - nach dem Motto „Ansonsten will ich hier auch nicht arbeiten”. Wobei das nicht nur eine Frage des Muts ist, sondern der Verhandlungsposition, so Cameron: „Das ist natürlich ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann.”

Die Verhandlungsposition wird für manche allerdings stetig besser, vor allem für begehrte Fachkräfte wie IT-Experten. Der Kampf um diese Fachkräfte ist auch der Grund, warum so viele Unternehmen mit Vielfalt werben: „Für Unternehmen ist Diversität ein Vorteil, weil sie dadurch wesentlich mehr Auswahl auf dem Arbeitsmarkt haben”, erklärt Cameron.

Andere Länder und Branchen, die großen Tech-Konzerne in den USA, seien da allerdings schon weiter - zum Beispiel mit eigenen Diversity-Experten oder ganzen Teams, die sich nur um dieses Thema kümmern. „Die investieren da auch sehr viel Zeit, Geld und Mühe. So weit sind wir in Deutschland noch nicht.”

(Gespräch: Tobias Hanraths, dpa)
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