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Forscher Zimmermann: Eigenverantwortung in der digitalen Welt

Von Die Entscheidungsfreiheit und die individuelle Verantwortungsbereitschaft werden in der digitalen Welt zunehmen.
Klaus F. Zimmermann Foto: Oliver Berg (dpa) Klaus F. Zimmermann
Frankfurt. 

„Die Erwerbsgesellschaft der Zukunft bietet neben neuen Risiken und einer größeren Unübersichtlichkeit auch neue Chancen und vielfältige Potenziale.“ Klaus F. Zimmermann, Direktor des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn, ist davon überzeugt, dass die Digitalisierung der Arbeitswelt auch positive Aspekte zeitigt. Für die meisten Gesellschaften, gerade in Entwicklungsländern, sei dieser Trend keineswegs neu, denn in weiten Teilen der Welt seien Arbeitnehmerrechte und soziale Sicherungssysteme bislang kaum bekannt oder zumindest unterentwickelt. Dagegen seien viele Industrieländer nur schlecht auf eine Welt mit erhöhter Eigenverantwortung vorbereitet. Während das Sozialmodell der USA seit jeher auf die individuelle Übernahme wirtschaftlicher Risiken gegründet sei, gelte für Europa das Gegenteil.

„Unsere Arbeitswelt wird vielschichtiger und informeller. Wie bestimmend das tradierte gesellschaftspolitische Leitbild des Normalarbeitsverhältnisses mit festen Arbeitszeiten und Arbeitsplätzen in Zukunft bleiben wird, muss aus heutiger Sicht offen bleiben“, sagt Zimmermann. Es werde jedoch schon von vielen Varianten herausgefordert und in seiner Bedeutung deshalb tendenziell weiter zurückgehen. Zudem erscheine es plausibel, dass sich daneben ein neuer Typus des „Arbeitnehmerselbständigen“ herausbilde. Der sei prinzipiell überall verfügbar und vereine die bestimmenden Merkmale der Erwerbsgesellschaft von morgen in sich, zu denen vernetztes Arbeiten, Denken und Handeln zählen.

Flexible Modelle

Flexible Arbeitszeitmodelle mit Gleitzeit, Arbeitszeitguthaben, Heimarbeit und variablen Zeitplanungen würden eher zum Standard als zur Ausnahme. Die zunehmende Knappheit des Angebots an Arbeitskräften werde unweigerlich Innovationen bei den Arbeitsstrukturen nach sich ziehen.

„Während in der Vergangenheit das Humankapital der Unternehmen eng an die physische Präsenz der Mitarbeiter gebunden war, könnten Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz diese enge Verbindung herausfordern.“ Daneben werden aus Zimmermanns Sicht auch Unternehmen durch technische Entwicklungen grundsätzlich in Frage gestellt. Das Beispiel der Firma Uber zeige, wie auf einem virtuellen Marktplatz Gelegenheitsfahrer und Fahrgäste zusammengebracht werden und so das Taxi-Gewerbe erheblich unter Druck setzen. Dieses Prinzip lasse sich auf andere Branchen übertragen – einschließlich solcher, in denen vorwiegend Fach- und Geistesarbeiter tätig seien. Plattformen existieren bereits: Hier würden zum Beispiel Aufträge für Werbetexter, Programmierer oder Designer einzeln ausgeschrieben und auch abgewickelt. „Wir beobachten also insgesamt eine Verlagerung unternehmerischer Risiken auf Arbeitnehmer“, so Zimmermann.

Es gelte hierbei, den Wandel auf Augenhöhe zu begleiten. Dazu müssten auch geeignete Institutionen in Wirtschaft und Gesellschaft geschaffen werden. Gerade weil es sich um einen permanenten Prozess handele, sei es noch möglich, die Rahmenbedingungen zu gestalten – aber die Herausforderungen seien fundamental. So zeichne sich etwa ab, dass sich die Messbarkeit von Wertschöpfung und ihre nationale und internationale Zuordnung schwieriger gestalten. Dies habe zum Beispiel Implikationen für die Unternehmensbesteuerung.

„In diesem Zusammenhang scheinen auch Preise insgesamt an Bedeutung zu verlieren und ihre ordnende Rolle für Marktprozesse könnte schwinden. Unabhängig von der Frage, ob gar ein „Rückzug des Kapitalismus“ droht, sind gleichwohl erhebliche institutionelle Anpassungen vorzunehmen. Am Beispiel der Gewerkschaften wird jedoch deutlich, dass in einer unübersichtlicheren Arbeitswelt ein gesamtwirtschaftliches Korrektiv mehr denn je gefragt ist, um eine ausgewogenen Balance der Chancen und Risiken zu erreichen.“

Und die Bildung müsse endlich zum Top-Thema gemacht werden, um einer breiten Bevölkerung digitale Teilhabe als Voraussetzung zur wirtschaftlichen und sozialen Integration zu ermöglichen. Dabei müsse es das Ziel sein, Arbeitnehmer grundsätzlich in die Lage zu versetzen, sich zügig mit ihrem Portfolio von Fähigkeiten und Qualifikationen an veränderte Marktsituationen anpassen zu können: „Lebenslanges Lernen muss eine erheblich stärkere Rolle einnehmen.“ Bei der Verknüpfung von Kompetenzerwerb in der Weiterbildung mit dem automatischen Erwerb von Qualifikationen könnten Online-Portale für Kompetenztests in Verbindung mit Kreditpunkten eine wichtige Rolle einnehmen. Weitere Potenziale ergäben sich durch den Einsatz von „Massive Open Online Courses“, deren Einsatzgebiet sich weit über universitäre Bildung hinaus erstreckt.

Flüchtlingsintegration

Für Flüchtlinge gelte natürlich dasselbe wie für die gesamte Bevölkerung: Digitales werde zu einer Schlüsselkompetenz, soziale und wirtschaftliche Teilhabe sei ohne digitale Teilhabe kaum mehr denkbar. „Aus- und Weiterbildungskonzepte als Voraussetzung zur digitalen Teilhabe sind daher zentral. Das mobile Online-Lernen bietet übrigenserhebliche Potenziale auch für die Flüchtlingsintegration: Durch die breite Verfügbarkeit von Smartphones und WLAN bietet sich eine Chance, diese Menschen schnell und ohne hohen finanziellen Aufwand mit der Sprache und dem Leben in Deutschland vertraut zu machen“, so Zimmermann.

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