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TV-Kritik: Tatort: Warum "Waldlust" Lust auf mehr macht

Clever ausgedacht und gut umgesetzt: Der neue Experimental-Krimi aus Ludwigshafen orientiert sich an berühmten Vorbildern.
Boris Karloff lässt grüßen: Humpe (Heiko Pinkowski) tritt auf eine Weise auf, die nichts Gutes erwarten lässt. Foto: (SWR-Presse/Bildkommunikation) Boris Karloff lässt grüßen: Humpe (Heiko Pinkowski) tritt auf eine Weise auf, die nichts Gutes erwarten lässt.

Wenn sich mehrere Leute bei ungünstigem Wetter an einem abgelegenen Ort zusammenfinden, sitzt man als Zuschauer normalerweise behaglich vor einem Gruselklassiker wie James Whales "Das Haus des Grauens" (1932). In dem spielt Schauer-Legende Boris Karloff, bis heute der berühmteste Darsteller von Frankensteins Monster, einen finsteren, bärtigen und gefährlich wirkenden Diener.

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Weswegen der bärtige wie bullige Heiko Pinkowski als Hotelbetreiber Bert "Humpe" Lorenz hier besonders nostalgisches Vergnügen bereitet, wenn er Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und ihre Mitarbeiter mit gezückter Mistgabel empfängt. Wobei der Angriff gar nicht dem Team galt. Die Polizistin Elli Brunner (Christina Grosse) jedenfalls, welche die Hotelgäste zusammen mit ihrem Mann Jörn (Jürgen Maurer) zum Hotel eskortierte, reagiert darauf mit fast schon irritierender Souveränität.

Das alte finstere Haus

Lena Odenthal mit Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter), Kriminaltechniker Peter Becker (Peter Espeloer) und Sekretärin Edith Keller (Annalena Schmidt) haben sich mit Trainer Simon Fröhlich (Peter Trabner) am alten Lorenzhof eingefunden, um in dem abgelegenen Hotel den Verlust von Mitarbeiter Mario Kopper zu verarbeiten und an ihrer Kommunikation zu arbeiten. 

Im Kontrast zu Bert Lorenz‘ Auftreten fällt dessen Nichte Dorothee (Eva Bay) auf, die den neuen Gästen einen überschwänglichen Empfang bereitet. Das heruntergekommene Haus verströmt einen morbiden Charme. Filmplakate erinnern an die 50er Jahre. Beim Essen taucht ein Star dieser Epoche auf: Lieselotte Viardot (Ruth Bickelhaupt, Großmutter des Regisseurs), die leicht verzückt Autogramme gibt und von Bert Lorenz überaus zuvorkommend behandelt wird.

Erprobte Schauspieler statt Laien

Allerdings tauchen im vegetarischen Essen der Gruppe plötzlich Knochenreste auf, und es sind keine Tierknochen: Sie stehen im Zusammenhang mit einem Mord, der sich Jahrzehnte zuvor auf dem Hof ereignete. "Babbeldasch" hieß der "Tatort"-Erstling von Regisseur Axel Ranisch, der im vergangenen Jahr weder Kritiker noch Zuschauer überzeugen konnte. Wobei man natürlich sagen muss: Ganz so schlecht war er nun auch wieder nicht.

Ranisch und Sönke Andresen, der wie schon in "Babbeldasch" das Konzept erarbeitete, verzichteten wiederum auf feste Dialoge, engagierten diesmal aber keine Laien, sondern erprobte Schauspieler. Dass den beiden ihr zweiter Sonntagskrimi erheblich besser gelang als der Erstling, ist nicht nur dem ideal besetzten Pinkowski und dem stimmungsvollen Haus im verschneiten Wald als Kulisse zu verdanken.

Eine Kombination, die funktioniert

Hier passte einfach vieles besser. Die Macher setzten zwar mehr auf Stimmung und Atmosphäre als auf das ultimative Quantum Logik, fügten Krimi- und Gruselelemente aber auch durch die von der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz eingespielte Musik der Komponistin Martina Eisenreich ziemlich geschickt zusammen. Der Plot bleibt im Gegensatz zu „Babbeldasch“ durchgehend unter Dampf.

Dass Ranisch diesmal mit Pinkowski, Trabner und Grosse zudem Schauspieler zur Verfügung hatte, mit denen er schon mehrfach gearbeitet hat, wirkte sich sichtlich positiv darauf aus, wie er Andresens Ideen umsetzte. Die improvisierten Dialoge fallen nur selten auf. Auch die erzählerische Struktur mit Rückblenden, zusammengehalten von einem Verhör, erscheint deutlich ehrgeiziger als in "Babbeldasch".

Sicher trägt das Ergebnis manche Züge eines Experimentalfilms junger Filmemacher. Was aber durchaus ins Bild passt: Das Schauerkino war schon immer ein Gebiet, auf dem man sich auch einmal ausprobieren konnte. Ranischs Film zeigt einen bemerkenswerte Souveränität in der Anwendung filmischer Mittel. Mit anderen Worten: "Waldlust" macht Lust auf mehr.

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