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TV-Kritik: Tatort: „Tiere der Großstadt“ - Der Mensch als mögliches Mistvieh

Von Der neue „Tatort“ aus Berlin erzählt zwei spannende Geschichten in hypnotisch dichten Bildern: ein Höhepunkt der Rubin und Karow-Reihe.
Die Bloggerin Charlie (Stefanie Stappenbeck) findet eine tote Joggerin im verschneiten Wald. Bild: rbb/Conny Klein Foto: (rbb Presse & Information) Die Bloggerin Charlie (Stefanie Stappenbeck) findet eine tote Joggerin im verschneiten Wald. Bild: rbb/Conny Klein

Eigentlich passen diese Bilder so gar nicht zum aktuellen Spätsommerwetter mit Temperaturen von bald wieder um die 30 Grad. Weiß verschneite Wälder, Menschen in dicken Wintersachen, so was erwartet man im „Tatort“ eher so um Silvester herum. Aber diese Bilder erzählen auf wunderbar dichte Weise, worum es in der Geschichte im Wesentlichen geht. Nämliches um Tierisches und Technisches und um das, was dazwischenliegt.

Regisseur Roland Suso Richter und Max Knauer (Kamera) haben sich was einfallen lassen. Da trottet zum Auftakt eine Rotte Wildschweine in aller Ruhe mitten durch das nächtliche Berlin, da liegt eine Frau auf einem Bett und scheint keine andere Gesellschaft zu haben als eine prachtvolle Katze. Ein wunderschönes Tier, aber auch ein Raubtier, das hier ein wenig erscheint wie die Titelfigur aus Johann Heinrich Füsslis berühmten Gemälde „Nachtmahr“: ein ungemein wirkungsvolles Symbol für die Macht des Unterbewussten.

Der menschliche Faktor

Und genau das ist auch der Kern, der die beiden auf den ersten Blick nur lose zusammenhängenden Handlungsstränge eindrucksvoll verdichtet: Der Mensch als Macher und Opfer, als Bindeglied zwischen Instinkt und Intelligenz und  als mögliche Zwischenstufe vom Tier zum Terminator. Erst taucht ein toter Mann auf, dem ein vollautomatisches Kaffee am Ku’damm gehörte: Tom Menke. Inmitten seines Kaffees wurde ihm eine tödliche Nadel in den Kopf gestoßen.

Als „Täter“ kommt nur der Kaffee-Roboter in Betracht. Die Frau zu Beginn mit der Katze ist Menkes verzweifelte Witwe. Bald müssen Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) einen weiteren Todesfall aufklären: eine Joggerin, die offenbar von einem Wildschwein angefallen wurde und verblutete. Aber anders als in „Tatort“-Filmen wie „HAL“ oder „Echolot“ steht im neuen Sonntagskrimi aus Berlin nicht die Technik im Mittelpunkt.

Auch wenn Karow sich bisweilen über die Gefahren der Technisierung auslassen darf, was freilich wie Füllmaterial rüberkommt. Dabei erscheint der Krimi gar nicht, als ob er sowas nötig hätte. Seine Charaktere und Bilder brennen sich ein. So etwa ein alter Mann, der möglicherweise etwas Wichtiges gesehen hat, aber kaum noch nach draußen geht und mit Karow in der intimen Enge seiner Wohnung  philosophisch angehauchte Gespräche führt.

Spannung durch Kontrast

Die Regie geht hier mit der Kamera ganz nah an die Figuren heran und gestaltet eine Szene mit gemeinsamem Kaffeetrinken wunderbar anheimelnd, weil das so wirkungsvoll mit den winterlichen Stimmungsbildern kontrastiert. Zusammen mit dem hypnotischen Klangteppich holt die Regie so und überhaupt wirklich das Letzte aus dem Skript heraus. Wirkungsvolle Unterstützung kommt dabei durch etwas Humor im Drehbuch, wenn etwa Nina Rubin als überdrehte Mutter auf dem Beifahrersitz auftreten darf, während ihr Sohn am Steuer sitzt.

Da stört es deswegen auch kaum, dass die Geschichte mitunter ein bisschen zusammengefriemelt wirkt und eine Auflösung etwas unvermittelt aus den Hut zieht. Die Figuren wachsen dafür nämlich schnell ans Herz, ihre Schicksale bewegen. Wie auch Rubin und Karow, wenn sie eine Todesnachricht überbringen müssen. „Tiere der Großstadt“ erzählt dabei pointiert und wunderbar unaufdringlich vom Verlust von Wärme und Geborgenheit.

Und sogar vom Überleben animalischer (?) Instinkte im Menschen wie dem Wunsch, ein eigenes Kind zu bekommen. Wenn Nina Rubin anzweifelt, welche möglichen Auswirkungen auf eine Liebesbeziehung ein solcher Wunsch entwickeln kann, wird sie sanft darauf hingewiesen, dass sie ja schon Mutter ist. Am Ende überlässt der Krimi die Frage, wer dabei wirklich Täter und wer Opfer ist, dem Zuschauer. Ein „Tatort“, der deswegen noch lange nachwirkt.

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