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Sigmar Gabriel: Kommentar: Naturtalent mit Defiziten

Sigmar Gabriel Foto: Michael Kappeler Sigmar Gabriel

Dass Politik ein erbarmungsloses Geschäft sein kann, haben dieser Tage gleich mehrere prominente Vertreter der Branche am eigenen Leib erfahren müssen. In der CDU Thomas de Maizière, der nicht Innenminister bleiben darf, obwohl er gerne in diesem Amt weitergemacht hätte. Oder Hermann Gröhe, der gehofft hatte, an der Spitze des Gesundheitsressorts zu verweilen. Und nun trifft es Sigmar Gabriel, der seinen Chefposten im Außenministerium wahrscheinlich an den Parteikollegen Heiko Maas abgeben muss. Nicht einmal sein Status als beliebtester Politiker Deutschlands konnte den ehemaligen SPD-Vorsitzenden vor dem Bannstrahl der neuen Verantwortlichen in seiner Partei schützen.

Klaus Späne Bild-Zoom Foto: (FNP)
Klaus Späne

Wirklich überraschend ist die Ablösung Gabriels nicht. Zu sehr war in den vergangenen Wochen deutlich geworden, dass der Mann aus Goslar nicht in das Konzept der designierten Führungsduos Andrea Nahles und Olaf Scholz passt. Auch um die aufgewühlten Sozialdemokraten zu befrieden, setzen diese in Zukunft auf Teamplayer, die sich im Zweifel der Parteiräson unterordnen können. Diesem Anforderungprofil entspricht Gabriel in keinster Weise. Der 58-Jährige ist stattdessen ein Politiker mit Ecken und Kanten. Einer der an guten Tagen, ausgestattet mit einer außergewöhnlichen rhetorischen Begabung, die Menschen mitreißen kann. Der aber an anderen Tagen den Egomanen und Raufbold heraushängen lässt und damit die Leute vor den Kopf stoßen kann. Der auch nicht davor zurückgeschreckte, seine eigene Tochter zu instrumentalisieren, als Martin Schulz vor Wochen das Außenamt für sich reklamierte. Und vor allem jemand, der, wie oft in den letzten Jahren geschehen, politische Kurswechsel vollzieht – auch auf Kosten der Glaubwürdigkeit seiner eigenen Partei.

Ja, Gabriel und die SPD, das war keine Rund-um-Harmonie. Eher ein „Sie küssten und sie schlugen sich“. Niemand kann davon besser ein Lied singen als Andrea Nahles, die der Niedersachse in der Vergangenheit das ein und andere Mal mit seiner Sprunghaftigkeit vor den Kopf gestoßen hat.

Auf der anderen Seite hat Sigmar Gabriel im Außenamt trotz gelegentlicher Egotrips Kontinuität entwickelt und damit an Format gewonnen. Er hat, anders als Vorgänger Steinmeier, auch mal deutliche Worte gefunden, anstatt sich hinter diplomatischem Geschwurbel zu verstecken und somit frischen Wind in die deutsche Außenpolitik gebracht. Und er hat damit Erfolge erzielt, wie vor kurzem im Fall Deniz Yücel zu sehen. Ob der spröde wirkende Maas diese großen Fußstapfen ausfüllt, muss eher bezweifelt werden.

Wenn Gabriel nun ins zweite Glied rückt, was man sich bei ihm irgendwie nicht so recht vorstellen kann, bleibt eine politische Karriere unvollendet, in der von der Substanz her mehr drin gewesen wäre. Vor allem aber ist es ein Verlust. Für das Land, das nicht gerade überreich gesegnet ist mit solchen Naturtalenten. Und auch für seine Partei, die derzeit eigentlich Politiker mit Profil und Format dringend nötig hätte.

klaus.spaene@fnp.de

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