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Premiere: Hessische Staatsballett: Luftsprünge zum Geistertanz

Von Alejandro Cerrudo und Jeroen Verbruggen choreografierten fürs Hessische Staatsballett zwei erzähl- und bildbetonte „Kreationen“. Premiere war am Staatstheater Darmstadt.
Auch Seilspringen kann kunstvoll sein: Luftig leicht bewegt sich das Ensemble des Hessischen Staatsballetts in den „Kreationen“. Foto: Bettina Stoess Auch Seilspringen kann kunstvoll sein: Luftig leicht bewegt sich das Ensemble des Hessischen Staatsballetts in den „Kreationen“.

Was Cerrudos „Now and Then“ und Verbruggens „The Great Trust“ verbindet, ist neben der Länge (je rund 45 Minuten) vor allem der Ausstatter Thomas Mika mit seinem prägenden Haupteinfall: einer riesigen Hinterwand, die zumindest bei Cerrudo durchaus gewollt an Pläne eines Präsidenten Donald Trump erinnert. Sichtbar ist sie nicht von Anfang an. Bevor der Vorhang hochgeht und das ebenso monumentale wie rostige Stück im Nebeldunst sichtbar wird, hat der sonst in Chicago („Hubbard Street Dance“) als Hauschoreograf beschäftigte Spanier Cerrudo eine Art Prolog vorgeschoben.

Licht fällt darin als Spot auf eine Badewanne und weitet sich von da zur Linken auf einen angebundenen Ballon aus, der gasgefüllt schwebt: zwischen Boden und Himmel. Wie der Tänzer in und mit der losen Metallwanne drauflosturnt, bis Hardrock den Vorhang und die Szene aufreißt und die wilde Musikmischung eröffnet, hat viel vom Luftgehen.

Im Zirkusrund

Dies Gehen auf dem Kopf wird nachfolgend noch zitiert werden und ist jedenfalls ein Mythen-Klassiker bei vielen Ethnien dieser Welt, der in aller Regel aus Hinweis auf die Toten- und zugleich fantastische Anderwelt gelesen werden darf. So schnell der Prolog auch vorüberhuscht, setzt er damit doch eine Note, die nachhallt.

Mikas Mauer variiert vom ersten zum zweiten Stück so sehr wie seine Kostüme. In „Now and Then“ erleben wir eine kollektiv-geschlechtsneutrale Angestelltenkluft in gedeckten Farben: Signum der dystopisch an die Wand gedrückten Tänzer-Masse Mensch à la Orwell. „The Great Trust“ breitet demgegenüber eine bunte Typenkostümierung vor uns aus, die den ambivalenten Clown/Direktor im Zirkusrund einer Schönen mit Marilyn-Zügen und weiteren Figuren entgegenstellt. Wenn sich die Mauer bei Cerrudo zeitweise nach oben aufschiebt und als bessere Möglichkeit der allgemeinen Knechtung in sich eine lichtere Spielfläche öffnet, ist die Wand bei Verbruggen von Anfang an durchlöchert, so dass man das Sprengloch erblickt und den Torpedo, der wie eingefroren im Raum hängt, unter sich die totweiß geschminkte Clowns- und Zirkusschar. Wiederholte Nebelhorn-Geräusche verstärken den Eindruck von Totentanz im Geister- schiff.

Schwarze Ballons

Beide Stücke thematisieren mit Zeichen und Hinweisen, die von einem Horrorautor wie Stephen King inspiriert sein könnten, die Zeit. Bleiern-tote schwarze Ballons wie hier und ein Clown als ambivalente Figur wie in „The Great Trust“ finden sich etwa auch in Kings „Es“. Der Eindruck vom Stillstand der Zeit wiederum taucht bei den Flugpassagieren in Kings „Langoliers“ auf, die den Übergang Vergangenheit – Zukunft als metaphysische Abrissmaßnahme erleben. Ob sich Cerrudos Ur-Idee eines tänzerisch legierten Sammelsuriums all seiner prägenden Eindrücke mehrerer Jahre, darunter das politische Klima unter Mauerbauer Trump und Chaplins „Großer Diktator“ als Text- und Musikzitat, wohl um Anteile aus „The Great Trust“ anreicherte?

Cerrudos Tänzer spielen gegen die Mauer an oder vergessen sie, wenn sie ihre Ballettstilmittel zu bildstarkem Tanztheater verdichten oder wie an die Wand gestellt von platzenden Ballons „erschossen“ werden. Gegen Ende aber schiebt die Wand selbst ihre Unterpartie vor wie Mussolinis Kinn und gleicht damit ein wenig dem „Schreibmaschinen“-Design des Nationaldenkmals in Rom. Damit verglichen, bleibt die Zirkusspielerei mit roten Tüchern als Blutsymbol massakrierter Marinematrosen im „Great Trust“ (was „Vertrauen“ wie „Großkonzern“ bedeutet) anarchischer. Faschingströten, ein Schwanken wie auf hoher See und puppenhafte Grotesken der Pierrots, dazu bodennaher Tanz statt luftspringender Subjektivität und ein kleiner Sketch mit aufspringendem Sarg bewahren den kurzweiligen Nummerncharakter, der diese Arbeit seltsam wie ein mexikanisches Totenfest, aber zugleich sehr lieblich hält.

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