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Interview: "Feine Sahne Fischfilet": "Es ist Zeit, voranzugehen und was zu reißen"

Nicht nur in ihrer Heimat kämpfen "Feine Sahne Fischfilet" gegen die rechte Gesinnung mancher Landsleute. Im Februar geht die Band auf Tour durch ganz Deutschland und kommt auch nach Wiesbaden in den "Schlachthof".
Ganz schön explosiv und voller Tatendrang sind die sechs Jungs von „Feine Sahne Fischfilet“. Ganz schön explosiv und voller Tatendrang sind die sechs Jungs von „Feine Sahne Fischfilet“.

Sie sind die deutsche Band der Stunde. 2007 noch zu Schulzeiten gegründet, haben sich die sechs aus diversen Dörfern rund um Rostock stammenden Männer ein nicht nur loyales, sondern massiv wachsendes Publikum erspielt. Mit dem sehr druckvollen Mix aus Rock, Punk und Ska könnte „Feine Sahne Fischfilet“ irgendwann mal das Erbe der „Toten Hosen“ annehmen, befreundet ist man bereits. Und auch jenseits der Bühne ist die Band im Gespräch. Mit vollem antifaschistischen Einsatz kämpft man speziell in Mecklenburg-Vorpommern gegen Rechts. Über Politik, Heimat und das neue, fünfte Album „Sturm und Dreck“ sprach Steffen Rüth mit Frontmann Jan „Monchi“ Gorkow (30).

Herr Gorkow, „Alles auf Rausch“ heißt eins der neuen Lieder. Wir rauschhaft fühlt sich das Leben gerade an?

JAN GORKOW: Schon sehr. „Alles auf Rausch“ beschreibt einfach, wo wir gerade stehen, wie es uns geht. Es gibt echt nichts Besseres, als jeden Abend vor ein paar Tausend Leuten zu spielen. Da kann keine Droge der Welt mithalten.

Sie haben Ende Dezember sieben Shows vor jeweils über 10 000 Leuten mit den „Toten Hosen“ gespielt, im Februar gehen Sie selbst auf Tour. Da ist wohl Dauerrausch angesagt.

GORKOW: Das ist alles der Oberhammer momentan. Wir machen das seit zehn Jahren, wir haben uns quasi auf dem Schulhof kennengelernt, kommen alle aus Vorpommern. Wir gründeten die Band, weil wir Bock hatten, mal rauszukommen. Jahrelang standen wir vor 50 oder 100 Leuten auf der Bühne, und jetzt verkaufen wir in Berlin die Columbiahalle aus.

Wie reagieren Sie auf den Erfolg?

GORKOW: Wir freuen uns. Wir finden das schön. Wir halten nichts davon, nur in unserer Blase zu bleiben. Wir wollen raus und mit verschiedensten Leuten in Kontakt kommen.

Sind die „Toten Hosen“ Vorbilder?

GORKOW: Wir finden es cool, dass Campino mitgemacht hat, als wir vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern über die Dörfer und Kleinstädte gefahren sind, um mit unserer Aktion „Noch nicht komplett im Arsch“ Position gegen den Rechtsruck zu beziehen. Wir sind uns schon sehr sympathisch, und natürlich habe ich als Kind auch die „Toten Hosen“ gehört und fand es immer gut, dass die Band so klar Position gegen Faschisten bezieht. Aber ich habe als Kind auch gern Udo Lindenberg oder „Die Prinzen“ gehört.

Ist „Niemand wie ihr“, das letzte Lied auf „Sturm und Dreck“ eine Liebeserklärung an Ihre Eltern?

GORKOW: Ja, schon.

Die hatten es nicht immer leicht mit Ihnen, oder?

GORKOW: Nein, und vielleicht haben sie es sogar bis heute nicht immer leicht mit mir. Ich spiele in einer Band, ich habe kurz vor dem Abi die Schule abgebrochen, ich habe keine Lehre gemacht – das ist nicht das Standardleben, das sich Eltern vorstellen. Und in meiner Jugend, da war es noch härter. All die Dinge, die ich in dem Song anspreche, die haben wirklich stattgefunden. Dieses Lied zu schreiben, war an der Zeit, und doch war es eines der schwierigsten Stücke, die wir je gemacht haben.

Was war so schwer daran?

GORKOW: Es ist verdammt uncool, zuzugeben, dass man die eigene Schwester beklaut hat. Man will ja schon lieber ein anderes Bild von sich erzeugen. Oder damals mit 19, als ich zwei Jahre auf Bewährung bekam, Mann, Mann. Meine Eltern streiten bis heute mit mir, manchmal bis aufs Letzte, aber nach jedem Streit haben sie gesagt „Wir finden es scheiße, was du machst, aber wir stehen zu dir“.

Wofür haben Sie die Bewährungsstrafe bekommen?

GORKOW: Ich war an einer Fußballrandale beteiligt und habe ein Polizeiauto abgefackelt. Deshalb die Zeile „23 000 Euro kostet ein Sixpack, wenn es brennt, in dieser Zeit hatte ich Angst, dass ihr euch trennt.“

Kennen Ihre Eltern das Lied?

GORKOW: Ja. Meine Eltern waren die ersten außerhalb der Band, die das hörten. Denen das vorzuspielen, war ein besonderer Moment. Sie hatten Tränen in den Augen.

Wie ist Ihr Verhältnis?

GORKOW: Sehr gut. Wir alle in der Band haben tolle Familien. Sie besuchen uns ständig auf Konzerten und bauen auch unser jährliches Dorffest „Wasted in Jarmen“ mit auf. Unsere Eltern hätten sich vor zehn Jahren auch nicht träumen lassen, dass wir mal bei „Rock am Ring“ spielen.

Ihre Musik ist unheimlich druckvoll. Beinahe euphorisch. Sollte das so sein?

GORKOW: Ja. Geil. Euphorie und Aufbruchsstimmung ist das, was wir auf dem Album rüberbringen wollen. „Sturm und Dreck“ geht stürmisch nach vorne. Wir finden, es ist nicht an der Zeit, vom Weltuntergang zu labern, sondern voranzugehen, Spaß zu haben und was zu reißen. In Zeiten, in denen es so einen krassen Rechtsruck gibt, gilt es, zusammenzustehen. Deshalb fahren wir auf die Dörfer, deshalb unsere Aktion „Noch nicht komplett im Arsch“, deshalb ein Stück wie „Wir haben immer noch uns“. Ich halte einfach nichts davon, krass rumzuheulen. Es haben genug Leute gesagt, wie schlimm alles ist. Jetzt muss jeder sehen, dass er den Hintern hochkriegt und sich einbringt.

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