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Das Frankfurter Städel zeigt Gemälde von Henri Matisse und Pierre Bonnard: Einander so nah – und doch so fern

Von Mehr als 40 Jahre lang kannten und schätzten die beiden Maler einander. Das Frankfurter Museum sucht Gemeinsamkeiten zweier sehr unterschiedlicher Charaktere.
Pierre Bonnard, „Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund“, um 1909. Foto: Städel Museum - U. Edelmann/ART Pierre Bonnard, „Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund“, um 1909.
Frankfurt. 

Eine so ruhige, harmonische, das Licht und das Leben feiernde Ausstellung hat es im Städel schon lange nicht mehr gegeben. Mehr als 40 Jahre lang kannten sich Pierre Bonnard (1867–1947) und Henri Matisse (1869–1954). Im April 1906 besuchte Matisse eine Einzelausstellung von Bonnard in der Pariser Galerie Ambroise Vollard. Dort war zwei Jahre zuvor auch sein Werk zu sehen gewesen. 1911 erwarb Matisse Bonnards Gemälde „Abend im Wohnzimmer“, ein Jahr später kaufte Bonnard „Das offene Fenster“ von Matisse. Viele Jahre standen die beiden im Kontakt – wenn sie nicht nahe beieinander wohnten, brieflich. Matisse suchte das Licht des Südens und kehrte Paris 1917 den Rücken. Bonnard zog 1926 an die Côte d’Azur. 1925 schickte Matisse eine Postkarte mit dem enthusiastischen Ausruf „Es lebe die Malerei!“ an Bonnard, und 1940 schreibt er: „Ich müsste jemanden sehen, und Sie sind es, den ich sehen möchte.“

Derselbe Grund: Henri Matisse, „Großer liegender Akt“, 1935. Bild-Zoom Foto: Photography BMA/The Baltimore Museum of Art
Derselbe Grund: Henri Matisse, „Großer liegender Akt“, 1935.

Doch so eng diese beiden Leben zusammenlaufen, so verschieden waren sie auch. Das zeigt gleich der erste Raum der Schau mit Fotografien von Henri Cartier-Bresson. Der besuchte die beiden Maler an zwei Februar-Tagen des Jahres 1944. Was er mit der Kamera festhielt, könnte unterschiedlicher kaum sein.

Ernst und lebensfroh

Kaum je blickt Bonnard in die Linse des berühmten Fotografen. Die Bilder zeigen einen ernsten, hageren Menschen in seiner rustikal eingerichteten und, was das Atelier anbelangt, geradezu kargen Villa. Matisse hingegen, wohlbeleibt, präsentiert sich als künstlerischer Grandseigneur: ein Bonvivant mit seinen Modellen, der es sich gern gutgehen lässt. Zu den Aufgaben von Matisse’ Chauffeur gehörte es, dessen Hund zum Friseur zu fahren. Die Anekdote erzählt Kurator Felix Krämer, der das Städel jetzt verlässt, um Generaldirektor am Düsseldorfer Museum Kunstpalast zu werden.

Das Städel, das selbst je ein Gemälde der beiden Maler besitzt („Blumen und Keramik“, 1913, von Matisse sowie „Liegender Akt“ von Bonnard, um 1909) führt die Werke der Künstler in Themenräumen (Interieur, Fensterbilder, Stillleben, Aktgemälde, Landschaft & Natur) zusammen und entdeckt hier und da erstaunliche Gemeinsamkeiten. So scheint Bonnards „Liegender Akt“ direkt Matisse’ „Großen liegenden Akt“ von 1935 inspiriert zu haben. Der weißblau karierte Grund spricht eine überdeutliche Sprache. Die Schau dokumentiert die zahlreichen Vorstudien, die Matisse für sein Werk anfertigte.

Ein Fensterbild von Henri Matisse: „Frauen mit Sofa oder Der Diwan“, 1921. Bild-Zoom
Ein Fensterbild von Henri Matisse: „Frauen mit Sofa oder Der Diwan“, 1921.

Und doch könnten die Gemälde unterschiedlicher nicht sein. Bonnard gilt vielen als letzter Impressionist, ein Nachfahre, Spätabkömmling, Solitär. Matisse hingegen ist ein Vorläufer und Erneuerer. Zeitlebens rang er um eine maximal klare und moderne Formensprache. Dass beide zur selben Zeit lebten, mutet in der Tat eigenartig an, gerade wenn man die motivischen Ähnlichkeiten und den stark unterschiedlichen malerischen Umgang damit betrachtet. Hinzu kommt die Verschiedenheit der Charaktere.

Matisse liebte das Repräsentative, hatte Modelle zuhauf und zu nahezu jeder Zeit seines Lebens ein Lieblingsmodell um sich, die er gern als „Odalisken“, will sagen: orientalisch-exotisch, malte. Bonnard zog sich zurück, ein grüblerischer Einzelgänger, und malte am liebsten seine Frau Marthe de Méligny. Fast 400 Bilder existieren von ihr, darunter viele intime Bad-Szenen. Evident, dass auch der unterschiedliche Umgang mit den Aktbildern in den Persönlichkeiten der Malern begründet ist und nicht darin, dass sie sich in ihrem jeweiligen „Markenzeichen“, wie die Ausstellung mutmaßt, nicht in die Quere kommen wollten. Den Unterschied als „Zeichen ihrer großen gegenseitigen Wertschätzung“ zu deuten, schießt weit über das Ziel hinaus.

Im Schönheitsglück

Von gemeinsamen Bedürfnissen oder Gesinnungen ist in dieser Männerfreundschaft wenig zu spüren. Sie gründet wohl vornehmlich darauf, dass beide sich in ähnlicher Unbedingtheit der Malerei verschrieben hatten.

Pierre Bonnard, fasziniert von südlicher Landschaft: „Das Fenster“, 1925. Abb.: Städel Bild-Zoom Foto: Bonnard, Pierre
Pierre Bonnard, fasziniert von südlicher Landschaft: „Das Fenster“, 1925. Abb.: Städel

So sehr nämlich, dass vor lauter Schönheitsglück und Farbenpracht die Zeitgeschichte in beider Leben, die immerhin zwei Weltkriege umfassten, so gut wie keine Rolle spielt – weder im Werk noch im Briefwechsel, dem ein eigener Raum gilt. Einmal ist die Rede von Einschränkungen beim Benzin und beim Gemüsepreis. 1940 notiert Bonnard, eine Zeitlang sei die Stadt in „Verteidigungsbereitschaft“ „recht merkwürdig“ gewesen.

Zeitgeschichtlich hinterlässt das große Fragezeichen: Wie war solche Weltabgewandtheit möglich in einer Zeit, in der sich Exilanten zuhauf an der Côte d’Azur drängten? Kein Wort von Matisse’ Ex-Frau und seiner Tochter, die die Gestapo wegen Beteiligung an der Résistance verhaftet. Die Herren Maler ziehen sich zurück. Auf die schönheitstrunkenen Gemälde wirft das einen merkwürdigen Schatten.

Städel Frankfurt

Dürerstraße 2, bis 14. Januar.
Geöffnet Di–So 10–18, Do und Fr bis 21 Uhr. Eintritt 14 Euro.
Telefon (069) 6 05 09 82 00.
Internet www.staedelmuseum.de

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