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Frankfurter Oper: "Capriccio": Weg von der Perücken-Seligkeit

Es ist die letzte Oper von Richard Strauss: "Capriccio". Morgen hat das "Konversationsstück für Musik" in der Regie von Brigitte Fassbaender am Frankfurter Opernhaus Premiere.
Brigitte Fassbaender verlegt ihre Inszenierung der Strauss-Oper – hier ein Probenfoto – in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Brigitte Fassbaender verlegt ihre Inszenierung der Strauss-Oper – hier ein Probenfoto – in die Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Sie ist ein Weltstar, eine Legende der Oper. Eine Frau mit fünf Karrieren. Als Mezzosopranistin setzte sie Maßstäbe, wurde ein Vorbild des Liedgesangs, dann Pädagogin und Intendantin und inszeniert seit 20 Jahren erfolgreich Musiktheater. Trotzdem sitzt sie jetzt ganz entspannt da mit ihrem unverwechselbaren Bubikopf und den schwarzen Ohrringen, und mustert ihr Gegenüber mit freundlichen, aber hellwachen Augen.

Brigitte Fassbaender ist jemand, der zum Glück keine Zeit hat, zurückzuschauen. Das erste Kapitel ihrer Autobiografie ruht seit Jahren. Das zweite will einfach nicht fertig werden, denn „die Rückschau ist nicht aktuell“. Ständig hat sie neue Regiepläne, unterrichtet immer noch viel, und ihr Terminkalender ist prall gefüllt. Der 78-jährigen Grande Dame des Musiktheaters, die locker zehn Jahre jünger aussieht, ist geglückt, was nur wenige Sänger nach ihrem Karriereende geschafft haben: als Regisseurin von der Kritik hoch geachtet zu werden. Dafür habe sie sich allerdings eine dicke Elefantenhaut zugelegt, schmunzelt sie, einfach durchgehalten trotz anfänglicher „Häme“ und niemals Kritiken gelesen.

„Vertracktes Stück“

Jetzt inszeniert Brigitte Fassbaender in Frankfurt nach „Ariadne auf Naxos“ und Brittens „Paul Bunyan“ das musikalische Testament von Richard Strauss: „Capriccio“, ein galantes „Konversationsstück für Musik“, in dem Künstler und Adlige in Paris 1775 mit Schärfe und Witz über das Verhältnis von Musik und Wort in der Oper diskutieren.

Brigitte Fassbaender hat viele Talente. Sie malt auch. Bild-Zoom
Brigitte Fassbaender hat viele Talente. Sie malt auch.

Richard Strauss selbst plante 1939, als er „Capriccio“ begann, ein „Verstandestheater“ zu schaffen, ein „Diskussionsöperchen“, das ihm als Vorspiel für seine „Daphne“ dienen sollte. Da winkt Brigitte Fassbaender kategorisch ab. Von wegen Öperchen: Das sei „eine ausgewachsene Oper, emotional und vielschichtig“ und ein „vertracktes Stück“. Da sie es zum ersten Mal inszeniere, habe sie mächtige Hochachtung davor gehabt und es als echte Herausforderung empfunden. Sie spricht mit resonanzreicher, dunkler Stimme, volltönend und kräftig, der ganze Raum scheint zu vibrieren. Ganz selten schimmert ihr Berliner Akzent durch.

Es sei eben so, wieder einmal habe sich Richard Strauss bei „Capriccio“ in sein „Lieblingsjahrhundert“ zurückgezogen, in die Zeit kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution. Fassbaenders Augen werden schmal: „Das ist ein Eskapismus, den ich so nicht mitgehen kann. Meiner Generation ist es nicht mehr möglich, sich aus politischem Elend weg zu katapultieren, wie es offensichtlich Strauss und Krauss gekonnt haben, die Nationalsozialisten und Nutznießer des Systems waren.“ Deshalb verlegt die Regisseurin das Werk in die Zeit seiner Entstehung: „Mein Ansatz ist“, sie untermalt ihre Sicht mit deutlichen Handbewegungen, „dass es in ,einem Schloss‘ bei Paris spielt, wie Strauss es als Schauplatz wollte. Aber eben im von Deutschen besetzten Frankreich.“ Weg also von der Perücken- und Rokoko-Seligkeit, hinein ins wilde Treiben des Zweiten Weltkriegs.

Vom NS-Regime hofiert

Natürlich, sie wiegt ab, müsse man bei Richard Strauss bedenken, dass er seine jüdische Schwiegertochter schützen wollte und seine beiden Enkelkinder. Zudem wurde er vom NS-Regime unendlich hofiert und stand später auf der Liste der „Gottbegnadeten“, ebenso wie sein Librettist Clemens Krauss. Die Eitelkeit des Menschen sei nicht zu unterschätzen. Aber Zweiter Weltkrieg hin oder her, die Holzhammermethode sei ihre Sache nicht, schließlich handele es sich bei „Capriccio“ um eine humorvolle Konversationsoper. Da könne man politische Hinweise entdecken, müsse aber nicht. Wie zum Beispiel in der großen Ansprache von Regisseur La Roche, die, wie sie vermutet, für ein bewusstes, bitteres Resümee und eine bittere Anklage von Komponist und Librettist gehalten werden kann.

Wenn Brigitte Fassbaender von ihrem Kreativteam spricht, – zum großen Teil hat sie dieselben um sich versammelt wie bei ihrer umjubelten „Ariadne auf Naxos“ –, gerät sie hemmungslos ins Schwärmen. Es sei nicht jeder Dirigent so kollegial, verbindlich und sängerfreundlich wie Sebastian Weigle, die Zusammenarbeit mit dem Kostüm- und Bühnenbilder Johannes Leiacker einfach wunderbar, und mit Camilla Nylund als Gräfin Madeleine und Tanja Ariane Baumgartner in der Rolle Clairons seien zwei fantastische Sängerinnen am Start. Die Clairon hat sie selbst einst gesungen, beim Glyndebourne-Festival 1990. Eine fiese Partie. Die liege unangenehm für einen Mezzo, habe viel Passaggio-Höhe, aber auch große Tiefen, berichtet sie.

Es ist schon erstaunlich: Wer die große Dame der Oper so souverän erzählen hört, kann kaum glauben, dass sie bei Premieren zu höchster Angespanntheit neigt. Sie könne dann selten im Zuschauerraum bleiben, auch jetzt am Sonntag nicht, weil „ich so nervös bin, dass ich meine ganze Umgebung verrückt mache durch meine inneren und äußeren Zuckungen“. Einerseits mache sie dann unruhig, dass sie keine Kontrolle mehr über das Geschehen auf der Bühne habe, andererseits könne sie das „,Fremdhören‘ nicht ertragen, also, was hinter oder vor mir in den Zuschauerreihen gesagt wird“. Wenn es aber ein Erfolg wird, fällt die ganze Anspannung ab, und dann kann sie sich unendlich freuen für die Kollegen auf der Bühne.

Es ist schwer, sie dazu zu bringen, einen Blick zurück auf ihre fünf Karrieren zu werfen, ja es sind wirklich fünf. Oder? Sie hebt schelmisch den Finger und sagt ganz unschuldig: „Außerdem male ich . . .“ In diversen Vernissagen hat sie ihre Werke bereits ausgestellt. Wenn sie sich aber doch entschließt, von früher zu sprechen, dann von der intensiven Zeit ihres Liedgesang, den sie heute mehr vermisst als ihre Opernauftritte. Genauer von Franz Schubert und seiner „Winterreise“. Die hat sie als eine von wenigen Frauen gesungen. „Wenn ich heute Lieder aus dem Zyklus höre, zieht es in meinem Herzen immer noch“, sagt sie leise und klopft sich mit den Fingern an die Brust.

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