E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Bad Vilbel 17°C Eine Angebot von Franfurter Neue Presse

Lebensgeschichten erzählen: Wo der Friseur auch Therapeut ist

Kleiner, persönlicher und familiärer: Im „Haar-Atelier“ im Johanniter-Stift läuft vieles anders. Die Mitarbeiter kennen die Lebensgeschichten der Kunden – mit allen Höhen und Tiefen.
Familiäre Atmosphäre: Für Friseurmeisterin Bettina Tonn ist es genauso wichtig, den Kunden zuzuhören, wie das Haareschneiden. Bilder > Familiäre Atmosphäre: Für Friseurmeisterin Bettina Tonn ist es genauso wichtig, den Kunden zuzuhören, wie das Haareschneiden.
Karben. 

Wenn Golden-Doodle Lotte, eine Mischung aus Golden Retriever und Pudel, im Salon herumspringt, freuen sich die größtenteils älteren Friseurbesucher ebenso wie die kleinen Kinder. Der Hund der Ladenbesitzerin ist zutraulich und lässt sich von den Bewohnern streicheln. Der Salon befindet sich im Erdgeschoss des Johanniter-Stifts in Klein-Karben. Für die älteren Menschen eine Erleichterung, da sie keine langen Wege haben.

„Manche kommen nur rein, um Lotte zu sehen und zu streicheln“, erzählt Friseurmeisterin Bettina Tonn. Andere Besucher schauen rein, um sich beraten zu lassen, ein Pflegeprodukt mitzunehmen oder einen Termin zu vereinbaren. Also wie in einem ganz normalen Friseursalon eben auch. Dennoch ist dieser etwas anders. Er ist kleiner, persönlicher und familiärer, und die Kunden werden mit Namen begrüßt. Schließlich sind es viele Stammkunden, die schon seit Jahren herkommen.

Balsam für die Seele

Im vergangenen August haben Bettina Tonn und ihr Mann Marc Hengst – er ist als Branchenfremder „nur“ offiziell der Besitzer – den rund 20 Quadratmeter großen Mini-Salon von Vorbesitzerin Ute Reising-Ochsenhirt übernommen, ihn umgebaut und mit neuem Inventar ausstattet. Mit der Renovierung hat sich auch der Name von „Utes Friseurlädchen“ zu „Haar-Atelier“ geändert. Auf den Salon weist ein blaues Hinweisschild an der Ecke Ulmenweg/Lohgasse hin.

Nach der Übernahme ist die langjährige Mitarbeiterin Anita Homburg geblieben. Sie hat bereits von Anfang an dort gearbeitet. So war der Wechsel für viele Heimbewohner kaum spürbar, denn Anita Homburg kennt alle Kunden im Heim mit Namen und ist mit vielen per Du.

Stationäre Pflege

  Das Johanniter-Stift, Lohgasse 11 in Klein-Karben, verfügt über 105 Einzelzimmer für die vollstationäre Pflege sowie 13 Wohnungen im Betreuten Wohnen

clearing

In den sechs Jahren seit dem Bau der Seniorenresidenz 2011 gehört eben auch der Salon im Eingangsbereich zum festen Bestandteil der Einrichtung. In dieser Zeit hat Anita Homburg auch schon viele Geschichten gehört und dabei mit dem ein oder anderen Kunden gelacht und sogar geweint. „Einige von ihnen sind mir inzwischen richtig ins Herz gewachsen. Und natürlich gehen mir die Schicksale, die ich hier erfahre, sehr nahe“, sagt sie.

Von vielen kenne sie die gesamte Lebensgeschichte, mit allen Höhen und Tiefen. Manchmal, so Homburg, fühle sie sich ein bisschen wie ein Therapeut. Die familiäre Atmosphäre und die Nähe zu den Kunden, ist Besitzerin Tonn sehr wichtig. „Das Zuhören ist genauso wichtig wie das Haareschneiden selbst“, erzählt sie. So ein Besuch beim Friseur sei für viele Balsam für die Seele. Bewohnern, die nicht mehr runter ins Erdgeschoss kommen könnten, würden sie die Haare auf dem Zimmer schneiden. Das sei aber eher die Ausnahme, sagt Tonn. Sie selbst habe sich mit ihren 33 Jahren noch keine Gedanken darüber gemacht, wie es bei ihr im Alter aussehen könnte, denn zu lange sei das noch hin.

Ihr Salon ist für viele Heimbewohner nicht mehr wegzudenken. Sicher auch, weil Lotte, der Hund, für eine lockere Stimmung sorgt und jeden Gast einzeln gegrüßt. „Sie ist quasi unser drittes Teammitglied“, scherzt Tonn. Irmgard Keller und Maria Conradi sind Stammgäste und gehen regelmäßig hin. Beide Frauen schwärmen regelrecht von der freundlichen Art der beiden Friseurinnen. „Als ich das erste Mal da war, ist mir gleich das Herz aufgegangen“, sagt Irmgard Keller (77). Natürlich, so die Rentnerin, würde man im Salon auch den ein oder anderen Tratsch und Klatsch hören, aber das gehöre schließlich beim Friseurbesuch dazu. Obwohl die 83-jährige Maria Conradi noch Auto fährt, sei sie froh, es hierfür nicht zu brauchen. „Ich habe keinen Grund, mir woanders die Haare zu machen“, sagt sie.

Die Mischung macht’s

Ein- bis zweimal im Jahr ließe sie sich eine Dauerwelle machen, ansonsten regelmäßig schneiden und waschen. Dass ihre Haare gepflegt aussehen, sei ihr sehr wichtig. Für den Friseurbesuch müsste sie sich hier nicht groß umziehen und fertig machen. Da sie selbst mal einen Hund besessen hat, freue sie sich immer, Lotte zu sehen. Aufgrund des Offenen-Haus-Konzeptes der Einrichtung ist der Salon nicht nur für Heimbesucher gedacht, sondern auch für alle Menschen von außerhalb. „Uns gefällt die Mischung, dass hier nicht nur ältere Menschen hingehen, sondern zum Beispiel auch junge Leute und Kinder“, sagt die Heimleiterin Elisabeth Amon. Auch an anderen Standorten gebe es ähnlich wie hier Friseursalons.

Vom Einfühlungsvermögen der Friseurinnen in Klein-Karben sei sie begeistert und erhalte nur positives Resonanz. Selbst habe sie den Salon noch nicht genutzt, da ihr dazu einfach die Zeit fehle und sie Friseurbesuche daher meist auf die Samstage lege. Aus der Nachbarschaft des Heims ist Ilsemarie Holzer gekommen. „Ich wohne eine Straße, weiter und für mich ist es praktisch, in wenigen Minuten hier zu sein“, sagt sie. Für sie muss die Sympathie zwischen Kunde und Friseur stimmen.

Daher findet sie diesen Friseur angenehmer als zum Beispiel große Ketten, die für sie häufig anonym wirken und die Kunden fast schon wie am Fließband abwickeln. Sie genieße es, zum Friseur zu gehen. „Wenn ich hier rausgehe, bin ich zufrieden“, sagt Ilsemarie Holzer.

Zur Startseite Mehr aus Wetterau/Main-Kinzig

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen