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Belästigung: Wenn Frauen sich zur Wehr setzen müssen

Von Auch im Jahr 2018 bleiben sexuelle Belästigung oder Schlimmeres am Arbeitsplatz ein Thema. Dennoch blitzen die Bad Vilbeler Grünen mit einem Auftrag an die Stadtverwaltung, Frauen besser zu schützen, im Ausschuss ab.
In Führungspositionen oft auf sich gestellt: Auch im Jahr 2018 müssen Frauen gegen die männliche Arbeitswelt ankämpfen. Foto: Franziska Gabbert (dpa-tmn) In Führungspositionen oft auf sich gestellt: Auch im Jahr 2018 müssen Frauen gegen die männliche Arbeitswelt ankämpfen.
Bad Vilbel. 

Bereits im Juni ist der Frauenförderplan der Stadt Bad Vilbel abgelaufen. Eine neue Fassung muss her. Dazu besteht im Haupt- und Finanzausschuss, der sich am Weltfrauentag am vergangenen Donnerstag tagte, auch großer Konsens. Doch weitere Forderungen der Grünen gehen CDU, FDP und FW zu weit. Der Antrag wird deswegen letztlich nur von den Grünen selbst und der SPD befürwortet.

Wie sieht es in der Realität aus? Sowohl Bürgermeister Thomas Stöhr als auch Erster Stadtrat Sebastian Wysocki verweisen auf eine sehr ausgeglichene Personalstruktur. Dies bestätigt auf Nachfrage auch Stadtsprecher Yannick Schwander. Die Stadt Bad Vilbel hat 436 Mitglieder, davon sind 258 oder 59 Prozent Frauen. Bei den Beamten ist das Verhältnis genau ausgeglichen, in der Verwaltung sind gar 63 Prozent der Beschäftigten Frauen.

Deutliche Unterschiede gibt es im Bereich der Erzieher, in diesem schlecht bezahlten Segment sind 94 Prozent Frauen. Hingegen arbeiten im gewerblichen Bereich, etwa bei der Müllabfuhr nur 19 Prozent Frauen. Bei den Spitzenpositionen sieht es noch recht gut aus. Drei der sieben Fachbereichsleitungen sind oder werden mit Frauen besetzt, auch bei den direkt darunter kommenden Fachdienstleitungen sind Frauen gut vertreten.

Dennoch wird im Bad Vilbeler Frauenförderplan festgestellt, dass vor allem in den höheren Entgeltgruppen Frauen unterrepräsentiert sind. Dies werde bei jeder Neueinstellung beleuchtet. Die jüngst eingestellten Frauen allerdings hätten nicht nur wegen ihres Geschlechts, sondern auch wegen ihrer Kompetenz und ihres Auftretens überzeugt, macht Stöhr deutlich.

Bad Vilbel gehe neue Wege, fügt Wysocki an, denn ab 1. April werde erstmals eine Frau zu Hause arbeiten können, um gleichzeitig ihr Kind zu betreuen. Angesichts der vielen Bemühungen der Stadt Bad Vilbel fragt er gar, ob Frauenförderpläne überhaupt noch zeitgemäß seien.

Anzeige und Entlassung

Den Grünen reicht das nicht. Sie fordern als neuen Bestandteil des Frauenförderplans nicht nur die Gleichbehandlung in Sprache und Bild – die Co-Fraktionschefin der Grünen Kathrin Anders erinnert hier an eine aus ihrer Sicht unangebrachte Werbung zur Landesgartenschau Bad Schwalbach in diesem Jahr mit der weiblichen Figur „Greta Grün“ als Palme hergerichtet auf Milchpackungen – sowie Sicherheitsvorkehrungen, sondern auch den Schutz vor sexueller Belästigung. Das hat für die Grünen auch einen triftigen Grund, denn im vergangenen Frühsommer gab es innerhalb der Stadtverwaltung einen Fall von verbaler Belästigung. Den Fachbereich will Stadtsprecher Schwander nicht nennen. „Nach der privaten Anzeige haben wird aber umgehend reagiert“, sagt er. Der Mann wurde entlassen.

Im Ausschuss hingegen erfahren diese Forderungen eine Ablehnung. So sagt CDU-Fraktionschefin Irene Utter, dass die geforderten Punkte im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz verankert seien und deswegen nicht in den Frauenförderplan aufgenommen werden müssten. Hauptamtsleiterin Petra Steinhuber-Honus verweist zudem auf diverse Programme innerhalb der Stadtverwaltung. Zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz werde ein Merkblatt aufgelegt, später sollen Online-Schulungen hinzukommen.

Das aber reicht Anders nicht. „Es herrscht Aufbruchsstimmung bei diesem Thema. Wir brauchen feste Strukturen, Betroffene sollen wissen, wie sie ihre Rechte einklagen können.“ Oftmals seien Delikte sexueller Belästigung verjährt, bevor und wenn sie überhaupt zur Anzeige gebracht würden. „Wir brauchen eine Kultur des Hin- statt des Wegschauens“, ist sie überzeugt. Da sei in geschlossenen Systemen wie einer Stadtverwaltung mehr als ein Merkblatt nötig.

Streit nach Abstimmung

Auch wenn SPD-Fraktionschef Christian Kühl es im Jahr 2018 für befremdlich hält, dass man diese Punkte noch explizit erwähnen müsste – sie seien selbstverständlicher Bestandteil –, entgegnet Anders’ Co-Fraktionschef Jens Matthias, dass es naiv sei, zu glauben, derartige Vorkommnisse gebe es nicht. Der Antrag wird trotzdem abgelehnt.

Was Proteste der Grünen auslöst. Doch Jörg-Uwe Hahn (FDP) macht deutlich, dass der Frauenförderplan aus gesetzlicher Pflicht heraus sowieso neu aufgelegt werde. Deswegen habe die Mehrheit nur die zusätzlichen Forderungen der Grünen abgelehnt. Frauen würden in der öffentlichen Verwaltung derzeit bei Neueinstellungen explizit bevorzugt. Seine Frau, Heike Freund-Hahn (FDP), würde deswegen auch von der Notwendigkeit eines Männerförderplanes sprechen, sagt er. „Was wir brauchen, ist eine klare Karriereplanung im öffentlichen Bereich. Für beide Geschlechter.“

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