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Forschungsprojekt: Viel Geld muss in die Nidda fließen

Von Die Bilanz fällt ernüchternd aus: Drei Jahre lang haben Wissenschaftler innerhalb des Projekts „NiddaMan“ geforscht. Das Ergebnis: Will man die Forderungen der EU bis 2027 erfüllen, müssen Milliarden Euro in die hessischen Gewässer investiert werden.
Die Nidda-Renaturierung – hier bei Gronau – zeigt Erfolge. Trotzdem muss noch viel passieren um EU-Richtlinien zu erfüllen. Foto: Anne-Rose Dostalek Die Nidda-Renaturierung – hier bei Gronau – zeigt Erfolge. Trotzdem muss noch viel passieren um EU-Richtlinien zu erfüllen.
Bad Vilbel. 

Der Dekan des Fachbereichs Biowissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität, Prof. Sven Kimpel, kommt bereits bei der Begrüßung zu einem kritischen Fazit: Trotz vieler renaturierter Abschnitte ist der „ökologische Gesamtzustand der Nidda und seiner Nebenflüsse auf einer Skala von eins bis fünf mit einem unteren Wert zu versehen“. Drei Jahre lang haben Wissenschaftler innerhalb des Projekts „Nidda-Man“ in verschiedenen Bereichen rund um die Nidda geforscht, wollten herausfinden, wie man die Lebensqualität für Tiere und Pflanzen verbessern kann. Die Abschlusspräsentation fand nun auf dem Campus der Goethe-Uni am Frankfurter Riedberg statt.

Denn bis 2027 müssen diese Verbesserungen erreicht sein, das gibt die Wasserrahmenrichtlinie der EU vor. Doch bei einer Messung im Jahr 2015 – der eigentlichen Fristsetzung für die neue Wasserrahmenrichtlinie – stellte sich heraus, dass nur acht Prozent der hessischen Gewässer die geforderten Kriterien erfüllen. Deswegen gab das Bundesforschungsministerium 2,4 Millionen Euro für das Projekt aus, eines von 14 bundesweiten Forschungsprojekten. Die Mittel liefen über drei Jahre, „die sind viel zu schnell vergangen“, drückt Kimpel die Hoffnung auf eine Verlängerung des Projekts aus.

Diclofenac und Co.

Es fehlte an Daten, wissenschaftlichen Methoden, um herauszufinden, woran die Flüsse wirklich kranken. „Die Wahl der Nidda ist dabei durchaus als intelligent zu bezeichnen“, blickt Kimpel auf die Bewerbungsphase zurück. Denn durch ihren Ursprung im Mittelgebirge Vogelsberg und den weiteren Verlauf durch die Wetterau in die urbane Frankfurter Region lassen die gesammelten Daten Rückschlüsse auf viele andere Flüsse zu.

Leiten die Abschlusskonferenz „Nidda-Man“: Dr. Ulrike Schulte-Oehlmann und Prof. Jörg Oehlmann. Bild-Zoom
Leiten die Abschlusskonferenz „Nidda-Man“: Dr. Ulrike Schulte-Oehlmann und Prof. Jörg Oehlmann.

Von einem naturnahen Zustand an der Quelle wird das Wasser im weiteren Verlauf durch Kläranlagen und Landwirtschaft belastet, schließlich durch Abwässer der Industrie, erklärt Prof. Jörg Oehlmann, Koordinator des Projekts und Leiter der Aquatischen Ökotoxikologie der Goethe-Universität. In der Renaturierung zeigten sich auch durchaus Erfolge, bestätigt Dr. Andreas Sundermann von der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung. Die Auswirkungen von über 50 Renaturierungen in Deutschland wurden untersucht. Deutlich positive Ergebnisse gab es dabei für Struktur und Form der Gebiete, auch bei Laufkäfern und in den Auen zeigten sich ablesbar positive Ergebnisse. Tendenzen ließen sich für Fische und Wasserpflanzen erkennen. Keinerlei Rückschlüsse aber ließen bislang die Beobachtungen bei den wirbellosen Tieren zu. „Manchmal braucht man etwas Geduld“, fasst Sundermann zusammen.

Das Hauptproblem aber bleiben die Einleitungen in den Fluss. So haben Chemiker nicht nur nach bekannten Rückständen, sondern auch nach bislang unbekannten Substanzen geforscht. Sie fanden nach Zulauf einer Kläranlage in der Horloff Tolylbiguanid, die Substanz wird unter anderem in der Textilindustrie als Vulkanisationsbeschleuniger eingesetzt.

In weiteren Flüssen wie der Usa nach Zulauf der Kläranlage Usingen-Kransberg wurden Arzneimittelrückstände wie etwa Diclofenac analysiert. Bis Bad Nauheim waren diese Stoffe zwar wieder um bis zu 65 Prozent abgebaut. „Doch es wurden kritische Konzentrationen überschritten“, stellte Dr. Arne Wick von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz fest. Die Lösung: Entweder werden weniger Abwässer in die Flüsse geleitet oder sie werden effektiver vorbehandelt.

Milliarden Euro erforderlich

Dies stellt Michael Denk, Leiter der Abteilung Wasser und Boden des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, vor Probleme. „Bis zum Jahr 2027 befinden wir uns in einem Marathon. Doch das Hauptstück haben wir noch vor uns“, macht er deutlich. Für verschiedene Projekte in Hessen seien ohnehin schon mehrere Milliarden Euro – eine genauere Summe nannte er nicht – vorgesehen. „Aber nicht die Kosten für den Ausbau der Kläranlagen auf die vierte Reinigungsstufe.“ Die soll Mikroschadstoffe, Medikamentenreste, Hormone, Röntgenkontrastmittel und weitere Stoffe herausfiltern.

Beteiligt am Projekt „Nidda-Man“ war auch der Bad Vilbeler Gewässerökologe Gottfried Lehr. Er bedauert, dass das Projekt nun endet. „Eine Fortsetzung wäre sinnvoll, die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen hat viel gebracht.“ So nennt Lehr die Renaturierung, die bei den Wissenschaftlern zu vielen neuen Erkenntnissen geführt habe. Andererseits habe er viel über Abwasserreinigung in Kläranlagen erfahren. „Und alleine hätten wir Aktivisten das alles gar nicht leisten können, was nun erreicht wurde.“

Während es in den vergangenen 30 Jahren vor allem darum gegangen sei, Stickstoffe aus der Nidda als einem der schlechtesten Flüsse Hessens herauszubekommen, gehe es nun viel mehr um Arzneimittelrückstände, Antibiotika, aber auch Feinsedimente durch Bodenerosion von landwirtschaftlich genutzten Flächen. „Hier geht es nun auch darum, einen gewissen Abstand zum Fluss einzuhalten“, hält Lehr als Erkenntnis fest.

Würden die Kläranlagen mit einer vierten Reinigungsstufe ausgestattet, entstünden viele Möglichkeiten, der Erfüllung der EU-Richtlinie ein Stück näherzukommen. Ausgehend von der einst massiven Schädigung sei schon viel passiert. Doch nach Lehrs Meinung wird es wegen dieser Schädigung auch noch etwas dauern, bis der Fluss und sein Umfeld wieder auf einen guten Stand kommen.

Die vierte Reinigungsstufe von Kläranlagen wird gerade in Bickenbach getestet. Auch die Stadt Bad Vilbel schaue sehr intensiv auf dieses Thema, bekundet Erster Stadtrat Sebastian Wysocki (CDU). Bereits im aktuellen Haushalt seien Verbesserungen an der Kläranlage vorgesehen. „Über die vierte Reinigungsstufe können wir aber erst genauer sprechen, wenn es verbindliche Kriterien gibt, was diese Stufe erfüllen muss.“

Auch wenn Michael Denk vom Umweltministerium angekündigt hat, hier aktiv zu werden, könne an der Stadt Bad Vilbel ein guter Teil der Kosten hängenbleiben. Zumal auch die Fläche der Kläranlage für diese vierte Stufe erweitert werden müsse. Das alles werde sicherlich noch eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen, schätzt Wysocki.

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