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Michael Hentschker auf Jobsuche: Verzweiflung treibt Arbeitslosen auf die Straße

Von Der 54-Jährige Michael Hentschker ist seit zwölf Jahren ohne Job, ein Zustand, der ihn frustriert. Er versucht nun auf ungewöhnliche Weise an Arbeit zu kommen.
Mutig geht der Langzeitarbeitslose Michael Hentschker auf die Straße, um auf sein Schicksal aufmerksam zu machen. Foto: Petra Ihm-Fahle Mutig geht der Langzeitarbeitslose Michael Hentschker auf die Straße, um auf sein Schicksal aufmerksam zu machen.
Friedberg. 

Eine alte Frau schaut Hentschker an und stellt fest: „Sie suchen Arbeit.“ Der Rosbacher erwidert: „Ja, schon ganz lange.“ Die Seniorin in der Friedberger Kaiserstraße gehört zu den wenigen Passanten, die Michael Hentschker auf seine Schilderaktion ansprechen – beachtet wird er allerdings schon, mit verstohlenen Blicken. „In Rosbach auf dem Bauernmarkt war noch weniger los“, berichtet er. Dort hatte er sich zuvor hingestellt, um auf seine Langzeitarbeitslosigkeit aufmerksam zu machen.

 

Zwölf Jahre ohne Vertrag

 

Hentschker ist studierter Betriebswirt, verlor seine Buchhalter-Stelle, als sein Arbeitgeber nach Berlin umzog und er nicht mitgehen wollte. Eine Zeitlang war er für eine Zeitarbeitsfirma beruflich aktiv, doch als die Chemie mit dem Einsatzunternehmen nicht stimmte, bekam er keinen Anschlussauftrag.

Zum Thema: Mangel an Pflegern

Ein Tag der Pflege wird morgen (Mittwoch) von 9 – 13 Uhr im Friedberger Jobcenter Wetterau, Schulze-Delitzsch-Straße 1, organisiert.

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„Das ist jetzt zwölf Jahre her“, sagt er resigniert. Die Finger habe er sich wund geschrieben, um Bewerbungen zu lancieren – ergebnislos. Nicht nur auf Buchhalterstellen, auch auf andere Posten, bundesweit und zum Teil weit unter seiner Qualifikation. Einladungen zum Vorstellungsgespräch kämen selten, die letzte vor zwei Jahren.

„Ich komme mir vor, als stünde auf meinen Bewerbungen quer das Wort ,Pest’.“ Obendrein wurden seine Anträge auf Arbeitslosengeld II abgelehnt, da er in einer Bedarfsgemeinschaft lebe. Kurse beim Arbeitsamt – alles habe er hinter sich. Stellenvorschläge vom Job-Center? Er lacht.

Mit seiner Aktion verbinde er nicht die Hoffnung, dass jemand um die Ecke komme und ihm einen Job anbiete. „Es ist ein Akt der Verzweiflung und ein politisches Anliegen, zu zeigen, dass es Situationen gibt, in denen man keine Chance bekommt.“ Natascha Shantay Loftin und Stina Patzel bleiben nachdenklich stehen: „Es ist traurig, sehr traurig.“ Sie hätten schon gehört, dass es für Menschen ab 50 schwer sei, einen Job zu finden. „Sie sind mutig, man sieht so etwas nicht jeden Tag. Man müsste öfter auf so etwas aufmerksam machen – aber das trauen sich vermutlich wenige“, sagen die zwei 25-Jährigen und verabschieden sich.

Hentschker ergreift nun die Initiative, geht auf Entgegenkommende zu und fragt, was sie denken, wenn sie seine Botschaften lesen. Ein Bad Nauheimer (42) meint: „Es ist ungewöhnlich, so auf Arbeitssuche zu gehen. Aber man hebt sich dadurch heraus, dass man ungewöhnliche Wege geht.“ Seine Erfahrungen mit dem Arbeitsamt seien schlecht. „Als ich selber arbeitslos war, machten sie mir in einem halben Jahr nur ein einziges Angebot.“

Ingrid Wilk (76) geht an Hentschker vorbei, sagt: „Wenn ich ein Geschäft hätte, würde ich Sie einstellen.“ Auch sie habe mit 51 Jahren noch einmal neu angefangen und wisse, was das bedeute. „Ich drücke Ihnen die Daumen“, betont sie. Zum Schluss spricht der Rosbacher ein Paar an, das vom Motorrad steigt. Wie sich herausstellt, ist der Mann Personalchef in einem mittelständischen Unternehmen. „Mutig, sich hier hinzustellen“, findet auch er. Mit über 50 sei es in der Tat nicht leicht. „Heutzutage muss alles jung und dynamisch sein“, sagt er. Er lässt sich die Kontaktdaten von Hentschker geben, um vielleicht auf ihn zurückzukommen.

 

Qualifikationen nennen

 

Dass ältere Arbeitssuchende automatisch chancenlos seien, stimmt laut Pressesprecher Johannes Paul von der Arbeitsagentur Gießen nicht. Die Arbeitsmarktlage sei im Wetteraukreis mit fünf Prozent Arbeitslosigkeit vergleichsweise gut, was sich auch für Ältere bemerkbar mache. Sie hätten es aber schwerer, da sie in der Regel höhere Gehaltsvorstellungen hätten und häufig nicht mehr so flexibel seien, umzuziehen.

Wer meine, nicht ausreichend Job-Vorschläge zu bekommen, solle das Bewerberprofil überprüfen und anpassen, da mitunter Qualifikationen fehlten. Pauls Tipp für Bewerber über 50: „Überlegen, ob man weiter pendeln kann und sich auf den Bedarf in der Region einstellen.“

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