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Tomahawk-Mörder: Unreifer Bursche oder eiskalter Verbrecher?

Wie ist jemand gestrickt, der seinen Freund mit einem Tomahawk erschlägt und beraubt? Hat er eine rabenschwarze, berechnende Seele? Der Psychiater stufte den Angeklagten gestern als gefühlsarme, aber reife Persönlichkeit ein. Das kann dem 21-Jährigen viele zusätzliche Gefängnisjahre einbringen.
Der Angeklagte (Zweiter von links) mit seinen Verteidigern Friederike Vilmar und Hans-Jürgen Kost-Stenger. Der Angeklagte (Zweiter von links) mit seinen Verteidigern Friederike Vilmar und Hans-Jürgen Kost-Stenger.
Niddatal. 

Im vorigen April schnappte ein Einsatzkommando den jungen Angeklagten. Er hatte noch den Laptop des am Vortag ermordeten Opfers bei sich. Und knapp 100 000 Euro, die ebenfalls dem 40-jährigen Finanzmakler aus Ilbenstadt gehört haben sollen. Das Opfer und der mutmaßliche Täter waren befreundet und in undurchsichtige Geldgeschäfte verstrickt. Als der Angeklagte wusste, dass gerade viel Bargeld im Wohnhaus des Finanzmaklers war, erschlug er ihn laut Anklage mit einem Indianerbeil – einem Tomahawk.

Seit November wird der Fall im Saal 207 des Gießener Landgerichts verhandelt. Stundenlang sitzt der junge Mann vis a vis vor den als Nebenkläger auftretenden Eltern und Geschwistern des Ermordeten.

Kein Blick geht zu ihnen hinüber, auch die eigene Mutter im Zuschauerraum schaut der Angeklagte nicht an. Mit gesenktem Kopf schreibt er Papiere voll, während Juristen und Psychiater versuchen, sich einen Reim auf diesen Menschen zu machen. Der 21-Jährige redet fast nie. Er bestreitet den Mord. Auf seinem Kapuzenpulli steht: „Helden sterben nie“.

Demütigung verdrängen

Er habe trotz seiner Jugend eine klare Identität und Zielsetzung, sagte gestern Psychiater Rolf Pfeifer: „Er will möglichst früh so viel Geld verdienen, dass er nicht mehr arbeiten muss.“ Nach der Verhaftung fragte der Direktor der Psychiatrie Haina den jungen Tatverdächtigen aus. Der habe nicht viel von sich preisgegeben. Nur, dass er von seinem Stiefvater erniedrigt und sexuell missbraucht worden sei.

Später machte der in Oberursel aufgewachsene Angeklagte die Mittlere Reife, scheiterte aber bei der Bundeswehr und in der Mechatroniker-Lehre. „Er sagte da von Anfang an, er wolle nicht der blöde Stift sein, der immer die Halle ausfegen muss.“ Der Psychiater vermutet: Dieses übertriebene Selbstbewusstsein habe sich der junge Mann zugelegt, um die Demütigungen seiner Jugend zu verdrängen. Er habe wenig Mitgefühl für andere, sei aber nicht dumm und unreif, „sondern cool und schlagfertig“, so der Psychiater.

Wenn die Richter ihm folgen, wäre der zur Zeit des Mordes 20-jährige Angeklagte daher nicht nach Jugendstrafrecht zu behandeln. Bei Mord aus Habgier droht dem Vater einer kleinen Tochter lebenslange Haft.

Um ihm das zu ersparen, zeichneten die beiden Verteidiger ein anderes Bild des Angeklagten. Er half seiner Mutter bei der Scheidung vom gewalttätigen Stiefvater. Und dass er mit teuren Ami-Schlitten herumfahre und viel Geld habe, sei wohl alles Lüge.

Pizza statt Kaviar

Das Auto sei gebraucht und fast schrottreif, so der Anwalt Hans-Jürgen Kost-Stenger. „Es gab nur Pizzakartons – keinen Kaviar. Es gab keine Villa in Monte Carlo, sondern ein Zimmer unterm Dach der Mutter und der Freundin.“ Der 21-Jährige war sichtlich erzürnt darüber, dass der eigene Verteidiger ihn derart klein machte. Vielleicht verstand er nicht, dass nur dieses Unreife-Zeugnis ihm noch eine mildere Jugendstrafe einbringen könnte.

Das Gericht nimmt sich bis in den April hinein Zeit, um den Mord und den Angeklagten zu bewerten. Der nächste Termin ist auf den 23. Februar datiert.

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