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Satire in der Alten Mühle: Tim Boltz: Ein Meister der scharfen Zunge

Mit Tim Boltz betrat Mittwochabend ein Komödiant die Bühne in der Alten Mühle, dessen Satiren und Geschichten zu den Raritäten des deutschsprachigen Kabaretts zählen. Der Meister des satirischen Wortes wusste sein Publikum zu verzaubern.
Cremig und süß: Satire-Meister Tim Boltz ahmt die Weinprobe nach, Kernelement im Lügengespinst seiner beiden Protagonisten. Das Bad Vilbeler Publikum nimmt’s dankbar an. Foto: Kurt Sänger Cremig und süß: Satire-Meister Tim Boltz ahmt die Weinprobe nach, Kernelement im Lügengespinst seiner beiden Protagonisten. Das Bad Vilbeler Publikum nimmt’s dankbar an.
Bad Vilbel. 

Tim Boltz zählt zu der seltenen Gattung auf der Kabarettbühne, dessen Mundwerk noch vom Wort kommt statt vom mitunter gespielten Witz und unterhaltsamen Klamauk. Ein Spaßverderber ist er dennoch nicht, ganz im Gegenteil, denn sein Lachen steckt im literarischen Spiel, die Lunte auch dort zu zünden, wo sie am besten brennt: in den Köpfen seines Publikums. Diesmal in Bad Vilbel.

Service: Morgen geht’s weiter

Sein aktuelles Programm „pro:c-dur“ präsentiert Timm Beckmann am morgigen Samstag, 20 Uhr im der Alte Mühlen, Lohstraße 13. Der Musikkabarettist wirft Klassik und Rock in einen Topf und

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Doch mit den gezählten Köpfen ist es Mittwochabend in der Alten Mühle nicht weit her. Etwa „nur“ 50 Gäste lauschen dem literarischen Comedian bei gelichteten Stuhlreihen, was weniger dem Programm geschuldet sein mag, eher dem derzeit herrschenden klirrenden Frost und den sich abzeichneten Krankenständen. So hat es auch Boltz’ Pianistin Corinna Fuhrmann getroffen, die wegen Krankheit leider absagen musste.

Täglicher Selbstbetrug

So bleibt es Boltz vorbehalten, alleine das Programm zu bestreiten und der Frage nachzugehen, warum Männer schlechte Lügner sind und die Frauen daran Schuld haben. Ein Glatteis für jeden tanzenden Esel, dem es zu wohl ergangen ist, doch für den komödiantischen Literaten Boltz gerade das richtige Terrain, seine satirischen Pirouetten auf die Spitze zu treiben, wenn auch die Rüden hierbei laut Programmankündigung die kürzeren Beine haben.

Am Beispiel seiner beiden Protagonisten Robert und Jana führt er schon mal die Spiegelglätte des täglichen Selbstbetruges vor. Robert, nach einer längeren Studienauszeit Teilzeittankwart, lernt Jana beim Tanzen kennen.

In der „Anmache“ mutiert er zum weltgereisten Piloten und trifft bei Jana ins Schwarze: Sie sammelt Postkarten und schwärmt für vegane Ernährung, so es dem Standard gegenwärtiger Mode und politischer Opportunität entspricht.

Wenn auch Robert eigentlich nach einem Steak und einem Humpen Bier zumute ist, übt er sich beim „Rollrasenessen bei Hirsebier“ und spielt schon mal die „Meise beim Aufpicken der Körner ihres Knödels“. Schwächelnd entnimmt er der Speisekarte gewisse „Dinkelbrätlinge“, denn darin stecke zumindest schon mal der Hinweis auf Gebratenes.

Das Lügenspiel rächt sich indessen mit Achselschweiß, den Robert erfolgreich auf der Toilette mit Duftkugeln zu unterdrücken weiß. Ein Duft nur, bei dem Jana wiederum eine besondere Note entdeckt – und die Beziehung festigt.

Schrundige Falten

Die Befangenheit im grotesken Lügenspiel gipfelt in einer Weinprobe, die Jana „über Beziehungen“ arrangiert hat. „Lieber ein Bier bei Trude ums Eck“, sinniert Robert kurz, doch muss er hindurch. Der Prüfer ist kein Geringerer als Jean Pütz, den Boltz im perfekten kölschen Dialekt zu parodieren weiß und die Pseudo-Fachsprache der Wein-Gourmets aufs Korn nimmt.

Robert mutiert zum Weinspezialisten, wenn er auch den vergorenen Sekt eher als „Nuttenbrause“ empfindet, aber nach der dritten Probe sich zum Fachmann und Weinspezialisten fortentwickelt. War ihm bisher das Gesöff im „Abgang zum Gaumen“ fremd, so findet er Zugang zu den edlen Tropfen als „glasig mit floraler Nuance“.

Sein „kurzes Auf- und Abklingen im gurgelnden Schlund mit Schärfen in der Spitze“ verblüfft nicht nur die Weinkenner, deren Weine er ein „cremiges und süßes“ Testat bescheinigt. Sondern natürlich auch seine Angebetete.

Doch ein Problem scheint von Anbeginn der Beziehung nicht geklärt: das mit dem Piloten. Denn ein Flugzeugkapitän trägt nun mal blaue Uniform. Doch in einem Mainzer Karneval-Fundus waren nur die weißen Uniformen eines Schiffskapitäns vorrätig. Ein Unglück nimmt Anlauf. . .

Boltz ist nicht nur ein brillanter Literat und Satiriker. Er steigt stimmlich und mitunter grotesk in seine Figuren ein, legt die schrundigen Falten der täglichen Rollen hinter den Fassaden frei. Schonungslos zieht er die Masken herunter, wovor sich viele fürchten, aber dann herzhaft lachen, wenn es sie nicht direkt betrifft.

Schade nur, dass seine Pianistin Corinna Fuhrmann nicht mit auftreten konnte. Grund für die Alte Mühle, den Auftritt beider noch einmal zu ermöglichen. Das Publikum würde es dankbar annehmen, wenn auch bei weniger klirrendem Frost, und der Satiriker Tim Boltz hätte einen zweiten Auftritt, dann mit vollem Programm, verdient.

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