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Demo: Spruchbänder und Trillerpfeifen

„Nazi-Faschos!“, riefen die Demonstranten einem Paar zu, das am Samstag den Quer-Denken-Kongress besuchen wollte. Sobald er das Drängelgitter mit den Bereitschaftspolizisten vor der Stadthalle erreicht hatte, fühlte sich der Mann sicher. Und zeigte den Demonstranten seinen Stinkefinger.
Mit Hütchen machen sich Demonstranten über Esoteriker lustig. Bilder > Mit Hütchen machen sich Demonstranten über Esoteriker lustig.
Friedberg. 

Zwei Stunden nach dem Beginn des Protestzuges hatte sich am Samstagmittag die Stimmung erhitzt. Rund 300 Demonstranten erreichten die Stadthalle, in der dreimal so viele Kongress-Gäste Vorträgen über esoterische und politische Themen lauschten. Man kam nicht zueinander – rund 50 Bereitschaftspolizisten schirmten die Stadthalle ab und sorgten für eine 20 Meter breite Pufferzone. Mit einem Lautsprecher und zahlreichen Trillerpfeifen versuchten die Demonstranten, wenigstens akustisch in den Saal durchzudringen. Vergeblich, so ein Polizeiführer. „Da drinnen hört man nichts.“

Info: Breites Bündnis formiert sich

Von der CDU bis zur Linkspartei, von der Evangelischen Kirche bis zum Motorradclub Kuhle Wampe reicht das Spektrum des Bündnisses gegen geistige Brandstiftung.

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Draußen umso mehr. „Haut ab“-Rufe begleiteten jeden Nachzügler, der die Kundgebung passierte, um am Eingang die 154 Euro teure Eintrittskarte zu präsentieren. Die Kongress-Besucher waren zumeist gut gekleidete Menschen, Mitglieder des gehobenen Bürgertums. Manche schienen auch aus der Alternativszene zu kommen. Einer von ihnen war extra aus Schleswig-Holstein angereist.

Vorträge und Workshops

Der lautstarke Empfang durch das Bündnis gegen geistige Brandstiftung brachte ihn aus dem Häuschen. „Ich werde hier als Nazi beschimpft – das ist hammerhart!“, beschwerte er sich bei den Journalisten. Er habe mit Rechtsextremen nichts am Hut. „Ich will mich doch nur informieren.“ Die Vorträge und Workshops zum Euro-Ausstieg interessierten ihn. Dass auf dem Kongress faschistisches Gedankengut grassiere, „das halte ich für Lügenpropaganda“. Die Journalisten hätten sich gerne selbst ein Bild gemacht. Doch die Security ließ niemanden hinein.

Der Kongress-Organisator Michael Friedrich Vogt habe mit Presseleuten schlechte Erfahrungen gemacht. Nicht einmal einen kurzen Blick in die Halle wollte der Sicherheitsmann erlauben. So bleibt nur ein Blick auf die Kongress-Webseite. Demnach gab es Vorträge über freie Energie in der Stadthalle, Eva Herman propagierte die ideale Familie, und Christoph Hörstel forderte die „sofortige Rückführung“ der Flüchtlinge nach Italien und Griechenland. Und den Ausstieg aus der „Betrugswährung Euro“. Die Vorratsdatenspeicherung und die TTIP-Verträge findet Christoph Hörstel gleichfalls grausig – darin ist er einig mit den meisten Demonstranten vor der Tür.

Doch die Lager blieben unter sich. Gut gelaunt zogen die Demonstranten vom Bahnhof zunächst zum Landratsamt und nach der Kundgebung vor der Stadthalle auf den Stadtkirchenplatz. Dort hatte man einen Markt der Möglichkeiten mit Infoständen aufgebaut. Die FDP fand man direkt neben den Piraten, daneben dann einige Punks von der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands.

Die Gewerkschaft Verdi, die Grünen, die Linkspartei und Kernkraftgegner suchten das Gespräch. Einige junge Syrer kredenzten den Passanten Süßgebäck, sozusagen als Dankeschön für die gute Aufnahme in Deutschland.

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Rechtsextremes Gedankengut sei konsequent zu bekämpfen, forderten alle Redner. Dazu gehöre auch, dass Facebook alle Nazi-Kommentare löscht, sagte die SPD-Bundestagsabgeordnete Bettina Müller. Wer gegen Flüchtlinge hetzt, wolle Ängste verbreiten und dem Faschismus den Weg bereiten. „Unser Asylrecht ist die Antwort auf dunkle Zeiten, als Krieg und Gewalt von Deutschland ausging.“ Die Leute in der Stadthalle „wollen den sozialen Frieden zerstören – das lassen wir nicht zu!“, rief der Grünen-Politiker und Erste Kreisbeigeordnete Helmut Betschel.

Klare Kante. Auf der weißen Außenwand des Landratsamts klafft seit dem Wochenende ein krakeliges Graffito gegen „Nazi-Scheiße“. Sprayer gegen Stinkefinger – die Fronten sind abgesteckt.

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