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Nidderauer wird nach 34 Jahren aus Kirchendienst entlassen: Otto Löber: Wie der Atheist zum Pfarrer wurde

Von Er ist immer derart offen in Begegnungen hineingegangen, dass er am Ende persönlich verändert herausgekommen ist. Empfindsamer als vorher, nachdenklicher, kritischer. Stets hat sich der evangelische Projektpfarrer Otto Löber aus Nidderau für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung eingesetzt. Nun ist Löber von Bernd Böttner, Propst des Sprengels Hanau, in den Ruhestand versetzt worden. Zum 1. Juli wird er aus dem Pfarrdienst entlassen. Einen Nachfolger gibt es nicht.
Projektpfarrer Otto Löber wird nach 34 Jahren Kirchendienst zum 1. Juli in den Ruhestand verabschiedet.	Foto/Archivfoto: Georgia Lori Foto: ALEXANDRA MEINE Projektpfarrer Otto Löber wird nach 34 Jahren Kirchendienst zum 1. Juli in den Ruhestand verabschiedet. Foto/Archivfoto: Georgia Lori
Nidderau. 

Wer Otto Löber als Pfarrer begegnet ist, der hat viele Bilder im Kopf. Bunte, eindrucksvolle, nicht alltägliche Erinnerungen. Von einem Mann, der im Sommer 2016 barfuß mit vier Kollegen 25 Täuflinge auf dem Fußballplatz in Oberdorfelden getauft hat. Von einem Mann, der durch ein Maislabyrinth wandert, um Besuchern der „Kultur-Höhe Nidderau“ Kunst nahe zu bringen. Von einem Mann, der deutliche Worte findet, wenn er predigt, oder über Aegidius Henning, einst Dorfpfarrer in Eichen spricht. 2010 haben Geschichtsprofessor Jürgen Müller und Löber die „Bauernanatomie“, eine Beschreibung des Dorflebens im Jahr 1664 von Autor Henning, neu herausgegeben.

Löber ist aber auch mit Leib und Seele Vater und Großvater. Glanz tritt in seine Augen, wenn er Tochter Alina in der Kirche beim Singen zuhört. Bei der Aufstellung eines Trampolins in seinem Garten in Ostheim packt er selbst mit an. „Für die Enkel“, sagt er und lacht dieses freudige, impulsive Lachen, das ihn jungenhaft erscheinen lässt. Ihn, den 64-Jährigen, dem siebten von acht Kindern, der in Ebsdorf bei Marburg geboren ist.

„Es war vorbei mit Gott“

Am 16. Oktober 1952 kommt Otto Löber dort im Osten des Landkreises Marburg-Biedenkopf zur Welt. Er wächst in einer sehr pietistischen Familie auf, will Pfarrer werden. Doch als sein Vater tödlich verunglückt, ist es für den damals 14-Jährigen erst einmal vorbei mit Gott. Er wird Atheist.

Sechs Jahre später, während des Theologiestudiums 1972 bis 1976 in Frankfurt und Marburg, entdeckt Löber mit der Friedensarbeit eine für sich ganz entscheidende Kontaktfläche zwischen Politik und Kirche. Nach Examen und Vikariat in Gronau und Niederdorfelden, arbeitet Löber von 1981 bis 1983 als Stabsmitarbeiter in der Christlichen Friedenskonferenz, einer internationalen ökumenischen Organisation. Seine erste Pfarrstelle tritt er in Gründau/Gettenbach von 1983 bis 1989 an. Von 1990 bis 2007 versieht er seinen Pfarrdienst in Eichen und Erbstadt und von 2007 bis 2017 als Projektpfarrer im Kirchenkreis Hanau.

Das sei keine Planstelle gewesen, sondern eine Verfügungsstelle im Landeskirchenamt, erklärt Löber. Seine Frau Lore habe ihm 2008 Visitenkarten mit dem Titel „Projektpfarrer“ geschenkt. Eine Bezeichnung und eine Herausforderung, die er annimmt.

„Sie haben sich vor keiner Herausforderung gescheut, sind unkonventionelle Wege und keiner Not aus dem Weg gegangen“, beschreibt auch Propst Bernd Böttner den Menschen Löber. Er habe die Welt aus Sicht der Schwachen und der Opfer sehen gelernt.

Viele Projekte initiiert

Böttner nennt viele Projekte, die Löber initiiert und über die Jahre hinweg begleitet hat: Projekte wie das Feuertheater Sancto Petrolio, Tauffeste im Kirchenkreis, die Karfreitagsliturgie für Krebskranke, das Projekt „Hessische Landgemeinden im Ersten Weltkrieg“, 210 Kreuze am Volkstrauertag als Erinnerungskultur oder auch den „Lernort Bauernhof“ auf Hof Buchwald.

Doch besonders gern, so sagt Löber, sammele er Lebensgeschichten: „Mich haben immer die kleinen Leute mit ihrem Lebensweg interessiert.“ Und er bekennt: „Besuche in Verdun und Auschwitz haben mich zum Pazifisten werden lassen“. Sein Glaube ist ihm Anker. Anker beim Zuhören, Leiden und Freuen, beim Lernen, Lehren und Reisen.

Seit 1990 engagiert sich der Projektpfarrer auch in der Flüchtlingsarbeit. „Schwache Menschen verdienen unseren besonderen Schutz und sind auch Wegweiser für uns in die Zukunft“, sagt Löber ernst. Doch trotz Leid und persönlicher Schicksalsschläge hat er seinen Humor nie verloren – seine Familie ist ihm immer eine große Stütze gewesen. Der fünffache Vater und bisher zwölffache Großvater wird im Oktober sein 13. Enkelkind in den Armen halten. Nach 34 Jahren Kirchendienst wird er sich weiterhin in der Gemeinde engagieren. Er will mal lauter, mal leiser, aber immer für die Gerechtigkeit und das Leben kämpfen.

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