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Pflegeeltern befürchten Willkür: Drei behinderte Kinder sollen aus Obhut eines Friedberger Paares genommen werden

Eine Ockstädter Pflegefamilie bangt um den Erhalt ihrer Pflege- und Erziehungsstelle. Der Marburger Trägerverein St. Elisabeth hat seine Fördermittel zum 31. März eingestellt. Betroffen sind drei minderjährige Behinderte im Alter zwischen acht und neun Jahren.
Judith Schäfer freut sich mit ihrem Pflegesohn über das Schweinchen Sir Alfons. Doch jetzt ziehen dunkle Wolken über der Familie auf. Judith Schäfer freut sich mit ihrem Pflegesohn über das Schweinchen Sir Alfons. Doch jetzt ziehen dunkle Wolken über der Familie auf.
Friedberg. 

Sir Alfons liebt es, gekrault zu werden, möglichst lang und entlang der Wirbelsäule. Das Borstenvieh im Mini-Pack lebt in der Pflegefamilie für behinderte Jugendliche von Judith Schäfer und Jörg Finster im Friedberger Stadtteil Ockstadt. Stubenrein wie eine Katze bedankt sich das ursprünglich im asiatischen Regenwald beheimatete Schweinchen mit einem Quiekser für die Krauleinheiten und trippelt unter den Stuhlreihen in der Küche davon.

Wo Sir Alfons ist, da lässt auch Wolle, ein kleines Hündchen, nicht lange auf sich warten. Auch es verlangt seine Streicheleinheiten, die er von seinen Spielgefährten einfordert. Die beiden Jungs, acht und neun Jahre alt, sind behindert und leben seit fünf Jahren in der Obhut ihrer Pflegefamilie. Doch das Kinderglück mit Sir Alfons und Wolle hat jetzt einen gehörigen Knacks bekommen.

Vergiftete Situation

Der Sankt-Elisabeth-Verein in Marburg, zuständig unter anderem für Pflegefamilien, hat die finanzielle Förderung der Pflegefamilie Schäfer-Finster eingestellt. Mit Schreiben vom 9. Dezember 2016 teilt der Geschäftsbereichsleiter Jens Rohe mit, dass der Erziehungsstellenvertrag zum 31. März 2017 aufgehoben wird. Begründet wird die Kündigung unter Berufung vorangegangener Gespräche mit den lapidaren Worten, dass „bezüglich einer weiteren konstruktiven und vertrauensvollen Zusammenarbeit keine Grundlage mehr besteht.“

Einen konkreten Kündigungsgrund benennt das Schreiben nicht und lässt Mutmaßungen freien Lauf. Eine Anfrage nach den Kündigungsgründen lässt Rohe mit dem Hinweis auf den Datenschutz unbeantwortet. „Die schützen wohl ihre eigenen internen Querelen“, mutmaßt Schäfer. Denn bei vielen Pflegeeltern soll der Trägerverein in keinem guten Licht dastehen. Es herrsche „eine vergiftete Situation“, sagt Schäfer.

Vor zwei Jahren seien gleich „acht Pflegeeltern aus der Erziehungshilfe gegangen“. Es würden stets willkürlich Versäumnisse aufgrund des Eigenverständnisses des Vereins vorgehalten, die jedoch einer sachlichen Überprüfung nie standgehalten hätten, schildert Schäfer.

Für die examinierte Altenpflegerin und ihrem Mann Jörg Finster, von Beruf Diplompädagoge, ist diese Kündigung nicht nachvollziehbar. Denn sie geht der Pflegefamilie nicht nur an die finanzielle Substanz. Sondern diese Kündigung durch den Verein stelle zugleich das Kindeswohl infrage, empört sich die Pflegemutter.

Bei einer fehlenden Förderung der Pflegefamilie hat das Jugendamt des Wetteraukreises ebenfalls noch ein Wörtchen mitzureden, weil es über die Kinder die Vormundschaft ausübt. Fehlt die finanzielle Absicherung durch einen Träger, muss das Jugendamt wegen des besagten Kindeswohls einschreiten. Dieses setzt unter anderem die wirtschaftliche und finanzielle Sicherung der zu Betreuenden voraus.

Doch auch hier scheinen die Entscheidungen laut Schäfer intransparent zu sein. Die Pflegemutter sei in den vergangenen Gesprächen „nicht immer auf Augenhöhe“ gewesen. „Die Schreiben gingen nur zwischen Jugendamt und dem Träger Sankt-Elisabeth-Verein hin und her, man hat uns außen vor gelassen.“ Vom Träger selbst seien nur „bruchstückhafte Informationen“ geflossen. Auch durch Supervision unterstützte und angebotene Gespräche seien nicht akzeptiert und anderslautende Wahrnehmungen nicht aufgegriffen worden.

Lernen vom Schwein

Sir Alfons ist ein afrikanisch-asiatisches Zwergwildschwein. Sozial hochsensibel und intelligent, stubenrein wie eine Katze und mit Hunden verträglich.

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Laut Michael Elsaß, Pressesprecher des Wetteraukreises, wird die pädagogische Leistung der Pflegeeltern seitens des Jugendamtes als „lobenswert anerkannt, geschätzt und nicht infrage gestellt“. Die Frage nach dem Kindeswohl stelle sich demnach nicht, betont Elsaß. Allerdings stehe zum 31. März ein Trägerwechsel an, den die Pflegefamilie selbst zu leisten habe.

„Das ist schön zu hören“, sagt Judith Schäfer, „jedoch liegen uns vom Jugendamt in Friedberg selbst auch die Kündigungen von weiteren Fördermitteln der Jugendhilfe vor, wenn kein Träger gefunden wird.“ Komme es „ganz dicke“, dann drohe eine Abschiebung der Kinder in ein Heim, befürchtet Pflegemutter Judith. Verbittert stellt sie sich die Frage: „Muss ich die Kinder jetzt auch noch vor dem Jugendamt schützen?“ Aber die Vormundschaft liege nun mal beim Jugendamt, „und das macht ebenfalls Druck.“

Positive Referenzen

Druck gibt es jedoch auch von vielen Unterstützern der Ockstädter Pflegeeltern gegenüber dem Jugendamt und des Elisabeth-Vereins. Nicht nur sind es Initiativgruppen der Lebenshilfe Friedberg, Ockstädter Nachbarn und Heil- und Sonderpädagogen, die sich für den Erhalt der Erziehungs- und Pflegestelle einsetzen.

Auch stehen Physiotherapeuten wie Logopäden und psychologische Praxen der Supervision, die mit Judith Schäfer in den vergangenen fünf Jahren zusammengearbeitet haben, mit einhellig positiven Referenzen und Schreiben an das Jugendamt der Pflegefamilie zur Seite. Inwieweit diese Fürsprache von Fachleuten Einsicht zu fördern vermag, steht derzeit noch offen.

Ob die beiden Jungs in diesem Frühjahr mit ihrem Hündchen Wolle und Schweinchen Sir Alfons noch mal nach Kaulquappen im nahe gelegenen Seebach Ausschau halten können, das ist einstweilen ungewiss wie deren Teilhabe am dörflichen Leben und Integration. Bei einem drohenden Heimaufenthalt dann nicht.

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