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Ungewöhnliches Wohnprojekt: Die Wahlfamilie vom Ewaldshof

Familie kann man sich nicht aussuchen. „Die hat man“, sagt Tom Lehmann. Dafür kann man sich aussuchen, mit wem man sein Zuhause teilt. In Assenheim gibt es elf Erwachsene und drei Kinder, die beschlossen haben, unter einem Dach zu leben. Sie haben den Ewaldshof gekauft – und ein nicht alltägliches Wohnprojekt gestartet.
In Assenheim gibt es elf Erwachsene und drei Kinder, die beschlossen haben, unter einem Dach zu leben. Sie haben den Ewaldshof gekauft. In Assenheim gibt es elf Erwachsene und drei Kinder, die beschlossen haben, unter einem Dach zu leben. Sie haben den Ewaldshof gekauft.
Niddatal. 

In der Küche gibt es alles zweimal. Herd, Spüle, Kochfeld. Weil nicht alle immer Lust auf alles haben, dafür aber manchmal zur selben Zeit Hunger. Und in der Vorratskammer im Erdgeschoss kann sich ohnehin jeder jederzeit bedienen. Genauso wie am Bücherregal im Gemeinschaftsstockwerk oder an dem DVD-Regal in einem der Zimmer.

Jeder kann eben überall hin. Auch ins Wohnzimmer unterm Dach; nur ist das quasi von Ole besetzt. Der Vierjährige hat dort sein Spielzeug verteilt. „Wir sind hier aber geduldet“, sagt Kolja Sulimma grinsend. Dass tatsächlich einer der erwachsenen Bewohner bis unters Dach kommt, ist eher selten. Das meiste spielt sich in der Küche und – im Sommer – im Hof ab.

Konflikte werden gelöst

So hat es sich seit 2016 ergeben. Seither gibt es die Wohngemeinschaft im Assenheimer Ewaldshof, wie Tom Lehmann erzählt. Elf Erwachsene (zwischen 22 und 59 Jahren), drei Kinder und ein Hund leben dort. Erst kürzlich ist eine Familie eingezogen, die bis dahin nur wenige Meter entfernt gewohnt hat. Eltern und Kinder haben sich den Hof angesehen, ihre Sachen gepackt und eines der Apartments bezogen.

Auf diese Weise ist fast jeder dazugestoßen: durch Begeisterung für das gemeinschaftliche Leben. „Daraus könnte man schlussfolgern, wir machen nicht alles falsch“, sagt Tom Lehmann lachend. Ein Kern aus fünf Personen war bereits wohngemeinschaftserprobt. Kolja Sulimma gehört dazu – 1993 gründete er ein Wohnprojekt in Frankfurt. Das Projekt gibt es noch immer, der Gründer allerdings ist ausgezogen. Er und vier weitere Bewohner schauten sich nach einem neuen Ort zum Leben um und entdeckten den Ewaldshof – ein vor vier Jahren noch heruntergekommenes Grundstück neben dem Bahnhof.

Seither hat sich vieles getan – innen, außen, zwischenmenschlich. Das Gemeinschaftskonzept geht auf. „Es ist eine unglaubliche Bereicherung, ich bin sehr glücklich, hier zu sein. Alle wollen füreinander einstehen, den anderen ein gutes Umfeld bieten“, sagt Birgit Fuchs.

Klar, bei so vielen Menschen unter einem (großen) Dach kommt es auch mal zu kleinen Auseinandersetzungen. Allerdings sei das eher selten der Fall. Und selbst wenn – die Bewohner haben ihrem Leben ein Konzept zugrunde gelegt: Probleme und Fragen, die alle betreffen, werden in einem Konsens geklärt, Konflikte werden gelöst. Das zeigt sich in kleinen wie in großen Entscheidungen.

Da war zum Beispiel die Frage nach der Farbe der Fassade. Als die anstand, lebten sie noch zu neunt auf dem Hof. Wie sollte es werden, das neue Zuhause? Blau oder rot? Sieben waren für blau, zwei für rot. Klare Mehrheitsverhältnisse. Und doch: Heute ist das Haus rot. „Es hat sich herausgestellt, dass es für die zwei, die für rot waren, wichtig war. Die ,Blau-Fraktion’ hingegen konnte problemlos mit rot leben“, erzählt Stefan Krieger.

Überhaupt die Gestaltung des 3000-Quadratmeter-Anwesens. 900 Quadratmeter sind saniert, vieles ist noch in der Mache, Kleinigkeiten im Haus, wie fehlende Lampen. Aber das gehört dazu, zumal der Hof von Grund auf saniert werden musste.

Jeder hat seine Aufgabe

„Wenn wir mit der Sanierung hinten angekommen sind, können wir vorne wieder anfangen“, sagt Kolja Sulimma. Um die Baustellen-Organisation kümmert er sich hauptsächlich. Denn alle haben ihre Aufgabe. Einkaufen, putzen, sich ums Beet kümmern. Für die „Nerds“ gibt es einen Raum mit vielen Computern, Film-Fans haben ein kleines Kino mit Leinwand. Ja, es ist eine bunt zusammengewürfelte Gruppe auf dem Hof – eine „Wahlfamilie“, wie Tom Lehmann sagt. Die Familienmitglieder kommen aus Köln, Kiel und Berlin. Manche sind Singles, andere leben mit ihrem Partner zusammen in einem Apartment. Ein Bewohner ist Altenpfleger, ein anderer Architekt. Die Studentin lebt ebenso auf dem Hof wie der Firmenchef.

Alle sehen sie sich jeden Tag; manchmal verbringen sie ihre Zeit alleine, manchmal treffen sie sich – „und bleiben den ganzen Abend in der Küche hängen“. Ob es nicht hin und wieder zu viel wird mit der Gemeinschaft? „Nein. Jeder hat Rückzugsmöglichkeiten und kann die Tür hinter sich zuziehen.“

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