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Interview mit Rabbiner Steiman: Darf man jetzt etwa doch „Reichskristallnacht“ sagen?

Andrew Steiman ist Rabbiner in Frankfurt-Seckbach.	Archivfoto: Janek Rauhe Andrew Steiman ist Rabbiner in Frankfurt-Seckbach. Archivfoto: Janek Rauhe

Rabbiner Steiman, wieso sprechen Sie immer von „Reichskristallnacht“ statt der „Reichspogromnacht“?

ANDREW STEIMAN: Dieser Ausdruck unterstreicht die Einzigartigkeit dieses schrecklichen Verbrechens.

Ist nicht „Reichspogromnacht“ der politisch korrekte Begriff?

STEIMAN: Pogrome gab es in der Geschichte leider recht viele. Im Schwerpunkt bezeichnet der Begriff die Übergriffe auf Juden in Russland und Osteuropa. Das Wort stammt aus dem Russischen. Mit „Pogrom“ verschiebt man also das Geschehen nach Osten.

Aber benutzen Sie mit der „Reichskristallnacht“ nicht einen Begriff der Nazis?

STEIMAN: Darüber streiten die Gelehrten bis heute teilweise. In jedem Fall ist „Kristallnacht“ keine offizielle Wortschöpfung des Nazi-Regimes. Der offizielle Begriff für die Angriffe auf Synagogen, jüdische Einrichtungen und Geschäfte lautete „Judenaktion“. Daraus hat der Volksmund in Berlin dann „Kristallnacht“ gemacht.

Jedoch haben die Nazis den Begriff ja ebenfalls genutzt.

STEIMAN: Die Nazis haben die Stimmung im Volk im Auge gehabt und sich diese zu nutzen gemacht. Der Begriff ist in den offiziellen Behörden-Sprachgebrauch übergegangen, und zwar bis in die 1980er-Jahre, als er nach und nach durch „Pogromnacht“ ersetzt wurde. Die politisch korrekte Form verdeckt das Verbrechen aber noch mehr als der ironisch gemeinte Begriff mit dem „Kristall“.

Andrew Steiman ist Rabbiner im Seniorenheim der Henry- und Emma-Budge-Stiftung in Frankfurt-Seckbach. Zuletzt sprach er bei einer Gedenkveranstaltung am 10. November in St. Michaelis in Klein-Karben. dpg

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