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Umbruch: Bad Nauheim will Gewaltexzesse in der Gastronomie einschränken

Von Mit weitem Abstand ist Bad Nauheim in der Wetterau führend, was die Dichte der gastronomischen Angebote angeht. Doch nun deutet sich ein Umbruch in zweierlei Hinsicht an. So geht es zum einen um harte Konkurrenz, zum anderen um ausufernde Gewalt. Erster Stadtrat Peter Krank versucht nun, die Gastro-Szene so weit wie vonseiten der Stadt möglich neu aufzustellen.
Im Wandel: In nahezu jedem Haus rund um den Marktplatz befindet sich Gastronomie. Doch auch nächtliche Gewalt ist hier ein Thema. Im Wandel: In nahezu jedem Haus rund um den Marktplatz befindet sich Gastronomie. Doch auch nächtliche Gewalt ist hier ein Thema.
Bad Nauheim. 

Auf 200 Bad Nauheimer kommt durchschnittlich je ein gastronomisches Angebot in der Stadt: 143 Kneipen und Restaurants tummeln sich hier. Was natürlich auch an den traditionell hohen Übernachtungszahlen von über 700 000 pro Jahr liegt, vor allem bedingt durch Kurgäste. Doch nun kündigt sich eine Umwälzung an.

Gleich mehrere etablierte Restaurants und Kneipen sind derzeit geschlossen oder machen zu. Direkt am Marktplatz, dem gastronomischen Epizentrum der Stadt, tummeln sich zwölf Gasthäuser, im weiteren Umkreis von nur 100 Metern sind es noch einmal ungleich mehr.

Doch derzeit haben nur neun der direkten Marktplatz-Anrainer geöffnet. Das „Bistro“ wird in Kürze vom bisherigen „Viva“-Pächter Andreas Vomend übernommen – bereits zum zweiten Mal. Vomend hatte das „Bistro“ schon einmal vor Jahren inne – bis es abbrannte (wir berichteten). Ganz überraschend geschlossen hat dazu der „Genussladen“, ein Lokal, das sich aufgrund seiner etwas ruhigeren Art auch für Familien eignete. Was hineinkommt, bleibt derzeit noch der Gerüchteküche überlassen, auch Krank weiß das nicht.

Konkurrenz wird härter

Was aber laut Bebauungsplan nicht geht, sind Spielhallen oder Discos. Der Plan wurde vor Jahren bewusst so geändert, um auch die angrenzende Hauptstraße, ein weiteres Problemfeld, zu befrieden. Heute gibt es dort nur noch eine Spielhalle, die Bestandsschutz hat.

Doch auch andere etablierte Einrichtungen in der Stadt haben derzeit geschlossen. So etwa das älteste Gasthaus der Kurstadt, die „Krone“ in der Altstadt und das wohl prominenteste Nachtausflugsziel „Teichhaus“ mitten im Kurpark. Letzteres wurde vor wenigen Jahren von Christian Wohlgemuth mit einem Millionenaufwand umgebaut. Zumindest hier kann Erster Stadtrat Peter Krank (parteilos) etwas beruhigen. Er wisse von Gesprächen in beiden Einrichtungen, Wiedereröffnungen stehen im Raum.

Spricht über neue Anforderungen: Stadtrat Peter Krank. Bild-Zoom
Spricht über neue Anforderungen: Stadtrat Peter Krank.

„Doch insgesamt wird die Konkurrenz härter“, weiß er. Angesichts von rund 250 Gasthäusern in der Stadt auch kein Wunder. Vor allem bei Neueröffnungen „muss der erste Aufschlag sitzen, sonst hat man schon einen Brandschaden“, verbildlicht er die Sache hinsichtlich einer schnell gefassten Kundenmeinung.

Positiv sei dies beim Restaurant „Tafelspitz“ in der Trinkkuranlage gelaufen. Dort hätten sich „Vollprofis“ angesehen, was in der Stadt bereits angeboten werden und hätten Lücken für ihr Angebot ausgemacht. Effekt: Der Laden läuft.

Was aber wohl auch am Service liegt. Denn den haben die Betreiber aus ihren anderen Filialen mitgebracht und erst nach und nach durch einheimische Kräfte ersetzt. „Es ist schwer, Fachpersonal zu finden, zumal wir hier nicht von einem Hochlohnsektor sprechen“, weiß Krank von Gesprächen mit Gastronomen. Ein Problem, mit dem das „Teichhaus“ genauso wie die letzten Pächter der „Krone“ zu kämpfen hatten. Der erste Aufschlag ging ins Aus, die Gäste blieben fern.

Und das, obwohl im Hotel „Dolce“ jedes Jahr gut ausgebildete Azubis ihre Lehre abschließen. Doch wegen der harten Konkurrenz sind Lohnkosten wohl eine bestimmende Größe, Studenten und Schüler sind hier die günstigere Alternative.

Am Marktplatz gibt es aber noch ein weiteres Problem. Erst im Januar kam es zu zwei gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Verletzten, bei denen auch ein Messer im Spiel war. Kein Einzelfall.

Gewalt zu später Stunde

Vor allem eine Cocktailbar, die es heute nicht mehr gibt, wurde als Treffpunkt von Cliquen ausgemacht, die zu später Stunde Massenschlägereien veranstalteten. Selbst die Polizei war aufgrund ihrer zu geringen Personalstärke machtlos. Die Stadt reagierte und erließ im März 2016 neue Voraussetzungen für Neueröffnungen. Fortan waren Speisekarten die Bedingung dafür, am Marktplatz zu eröffnen.

Nach Schließung der Cocktailbar wurde es in Sachen Massenschlägereien etwas ruhiger. Trotzdem kommt es immer wieder zu Gewalt, vor allem zu später Stunde. „Seitdem die Sperrstundenverkürzung in Kraft ist, registrieren wir das“, sagt Krank. Viele Schlägereien entwickelten sich, nachdem der normale Arbeitnehmer meist schon zu Hause im Bett liege.

Das zeigen die weiteren Fallzahlen. So vermeldet die Polizei 137 Straftaten im Jahr 2015 am und um den Marktplatz herum. Dabei erfasst werden aber nicht nur Gewalttaten, sondern auch Diebstähle, Beleidigungen und Sachbeschädigungen.

Doch auf Nachfrage bestätigten die Gastronomen, dass sich auch das Geschäft nach ein Uhr nachts noch so weit rentiere, um länger geöffnet zu halten, schildert Krank. Sie plädierten eher dafür, auch in der Außenbewirtschaftung im Sommer länger offen zu halten. „Wir sind aber schon eine der wenigen Städte, wo das bis 23 Uhr erlaubt ist. Hier muss man auch Rücksicht auf Anwohner nehmen“, findet Krank.

Er appelliert auch weiterhin an die Verantwortung der Gastwirte, bei der Prävention mitzuwirken. Vor allem, wenn es um den Ausschank alkoholischer Getränke an Minderjährige geht. „Da bin ich Hardliner, es gibt hier keinen Spielraum“, sagt Krank. Aber auch die Angebotsstruktur könnte sich bei den Gastronomen ändern. Doch da hat Krank selbst nur wenig Spielraum. Obwohl die Stadt bereits einen Berater zu diesen Fragen bezahlt hatte, um zu erörtern, was anders werden kann.

Es ging um kürzere Öffnungszeiten, aber auch die Wiederbelebung des Marktplatzes mit Spezialmärkten und entsprechendem Rundumangebot. „Geändert hat sich leider nichts“, bedauert der Stadtrat. Eine Wirtin habe mitziehen wollen, heute aber hat sie kein Geschäft mehr am Marktplatz. Er erinnert gerne an die Marktplatzfeste, in denen bis vor einigen Jahren noch friedlich gefeiert wurde. Doch auch hier wurde es zunehmend brenzliger, die Feste gibt es inzwischen nicht mehr.

Die Fallzahlen bei der Polizei sind nicht wesentlich besser geworden, 116 waren es im Jahr 2016. Für 2017 liegen noch keine Zahlen vor, doch gehen die Beamten von einer gleichbleibenden Tendenz aus. Und sie nennen als klaren Schwerpunkt den Marktplatz und die Hauptstraße. Besonders einfache und gefährliche Körperverletzung bilden den Schwerpunkt. 39 Vorfälle waren es 2015, im Jahr darauf 29 Taten.

Weswegen die Stadt weitere Gespräche mit den Gastronomen suchte, bereits seit 2015 wird diskutiert. Nun aber wird es eine Videoüberwachung des Marktplatzes geben. Am Donnerstag fand die Abstimmung vor Ort statt. „Sechs Kameras werden platziert, die Bilder gehen direkt zur Polizei nach Friedberg“, schildert Krank. 45 000 Euro gibt die Stadt dafür aus. Krank selbst erkennt Für und Wider der Überwachung, „an manchen Plätzen aber ist das durchaus berechtigt“, findet er.

Verstärkte Präsenz

„Den Volltrunkenen wird das von seinem Tun nicht abhalten“, sagt Krank. Doch setzt er auf Prävention und auf die Aufklärung und Verfolgung der Straftaten. Denn die Polizeiwache Bad Nauheim liegt zwar direkt gegenüber. Die ist aber nachts nicht besetzt, so dass erst Beamte aus Friedberg anrücken müssen. So geht im Ernstfall wichtige Zeit verloren.

Trotzdem greift Krank nun zusätzlich zu einem anderen Mittel. Schon jetzt greift die Stadt auch auf private Sicherheitsdienste zurück. Die allerdings fahren Streife, um auch andere Orte nächtlicher Treffen von meist Jugendlichen aufzusuchen, etwa im Goldsteinpark oder auf dem Parkdeck in der Schwalheimer Straße. „Da bleiben fünf bis zehn Minuten pro Ort“, sagt Krank.

Nun sollen sich die Kräfte abwechselnd auf verschiedene Orte konzentrieren und noch mehr Präsenz zeigen. Sie werden dann auch für mehrere Wochen am Stück für mehrere Stunden pro Nacht am Marktplatz unterwegs sein. „Wir wollen hier nicht mit dem dicken Knüppel schwingen“, sagt Krank vor allem im Hinblick auf Jugendliche, die sich an verschiedenen Orten treffen. „Doch zur Not können wir das auch.“

Die spontane Reaktion eines Gastronomen fällt positiv aus. Er ist froh, dass es bei ihm schon länger keine Auseinandersetzung mehr gab. Doch er freut sich auch, wenn dies in seiner Umgebung der Fall wäre.

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