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Prävention: Familienrichter will mit Rüsselsheimer Schülern über Gewalt sprechen

Nach der Bluttat an einer Schule in Lünen wurden bundesweit Forderungen laut, das Ausmaß der Verrohungen an Schulen ernst zu nehmen und zu handeln. Doch gibt es dazu in Rüsselsheim überhaupt einen Anlass?
„Es ist für uns nicht belegbar, dass viele Schüler mit Messern die Schule betreten“, sagt ein Polizeisprecher. Bilder > Foto: Oliver Berg (dpa) „Es ist für uns nicht belegbar, dass viele Schüler mit Messern die Schule betreten“, sagt ein Polizeisprecher.
Rüsselsheim. 

Nach der grausamen Bluttat in Lünen, als ein 15-Jähriger einen Mitschüler mit einem Messer erstach, machten gruselige Statistiken die Runde: Ein Soziologie-Professor sagte, jeder elfte Jugendliche bringe ein Messer mit in die Schule. Der überregional bekannte Anti-Gewalt-Trainer Carsten Stahl warnte, Schulen in Deutschland hätten ein massives Gewalt-Problem. Der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, fordert, dass die Politik die Gewalttat von Lünen zum Anlass nehmen solle, das Ausmaß an Verrohung und Gewalt in der Gesellschaft ernstzunehmen und zu handeln.

Keine Statistik

Doch stimmen diese Aussagen auch für Schulen in Rüsselsheim? Stehen hier Schlägereien und Mobbing an der Tagesordnung? Ist dringender Handlungsbedarf angesagt? Ist eine Verrohung zu beobachten? Laut Polizeipräsidium Südhessen lassen sich diese alarmierenden Meldungen zumindest statistisch nicht beweisen: „Es ist für uns nicht belegbar, dass viele Schüler mit Messern die Schule betreten.“ Eine Statistik werde darüber nicht geführt, sagt etwa Polizeisprecher Bernd Hochstädter.

Auch gibt es keine Statistik darüber, wie viele Rüsselsheimer Jugendliche unter 14 Jahren eine Straftat begehen. „Da die Jugendlichen noch nicht strafmündig sind, nehmen wir solche Fälle nicht auf.“ Klar ist aber: Es bestehe kein Grund zur Dramatisierung, sagt er. Bei Verallgemeinerungen solle man stets vorsichtig sein. Oft seien es subjektive Eindrücke, die bei einer Beurteilung auch immer eine Rolle spielen.

Und dennoch tut sich was in Sachen Gewalt-Prävention an Rüsselsheimer Schulen. Harald Walther, Direktor des Rüsselsheimer Amtsgerichts, plant eine Aufklärungsoffensive an den örtlichen Schulen. „Wir haben hier immer mal wieder Fälle von unter 14-Jährigen auf dem Schreibtisch liegen“, sagt er. Kürzlich etwa habe ein Jugendlicher eine Lehrerin mit einem Klappmesser bedroht. Die Staatsanwaltschaft habe den Fall ans Familiengericht weitergegeben. Das Jugendamt wird auch informiert.

„Was mache ich also in so einem Fall?“, fragt Harald Walther. Der Jugendliche sei schließlich noch nicht strafmündig. Der Richter ist ausgebildeter Mediator, setzt stets auf persönliche Wiedergutmachung, auf eine persönlich ausgesprochene Entschuldigung.

Neulich habe er zwei 13-Jährige mitsamt Eltern im Büro sitzen gehabt. „Die hatten sich richtig heftig geprügelt.“ Nach einem Gespräch hätten beide ihr Unrecht eingesehen, seien in freundschaftlicher Verbundenheit aus dem Büro marschiert. „Ganz wichtig: Das sind Einzelfälle“, sagt Harald Walther. Auch er könne nicht belegen, dass die Fallzahlen zunehmen würden. Dass die Attacken heftiger sind, als er sie selbst einst als Jugendlicher erlebt hat, das könne jedoch durchaus sein.

Prävention

Harald Walther ist im Gespräch mit verschiedenen Rüsselsheimer Schulen, um mit Jugendlichen präventiv über Gewalt zu sprechen, um aufzuklären und über Strafen zu informieren. „Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, in Rüsselsheim ein Kindergericht einzuführen“, sagt er. Kinder und Jugendliche können bei diesem Rollenspiel selbst entscheiden, für welche Tat welche Strafe angemessen ist. Auch eine Film-Dokumentation über das Leben in der Jugendarrestanstalt Gelnhausen könne bei dieser Gelegenheit gezeigt werden. „Ich habe das Gefühl, dass außerschulische Personen bei den jungen Leuten mehr erreichen.“

Häuser des Jugendrechts

Mit zahlreichen Projekten wird in Deutschland versucht, die Jugendkriminalität einzudämmen. Die Ansätze sind sehr unterschiedlich – sie reichen vom Jugendarrest bis zu Diskussionsrunden über Ehre und Geschlechterrollen.

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