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Strapazen: Düstere Berichte aus dem Rathaus

Wie dramatisch ist die Situation in der Rüsselsheimer Verwaltung? „Die Belastungsgrenze ist überschritten“, sagt der Personalrat. Mitarbeiter sprechen von einem „Klima der Angst“.
Mann mit Burnout über Akten gebeugt am Schreibtisch im Büro Foto: Robert Kneschke (39198013) Mann mit Burnout über Akten gebeugt am Schreibtisch im Büro
Rüsselsheim. 

Es waren eindrückliche Worte, die Bürgerservice-Chefin Trudi Hartung zu Beginn der Woche bemühte, um die hohe Arbeitsbelastung ihrer Mitarbeiter in den Stadtbüros zu beschreiben: „Wir brauchen dringend Personal. Es werden Schichten gemacht, die mit dem Arbeitsschutzgesetz nicht zu decken sind“, sagte sie. „Der Krankenstand ist hoch, die Mitarbeiter gehen teilweise mit schlechtem Gewissen in den Urlaub.“ Die Wartezeiten der Kunden in den Bürgerbüros in der Innenstadt und am Dicken Busch betragen durchschnittlich 90 Minuten. „Wir haben Arbeitsrückstände, das können Sie sich gar nicht vorstellen.“

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Kommentar

Was ist da bitte schön los, fragt man sich, wenn man dieser Tage den Schilderungen der Rathaus-Mitarbeiter lauscht. Hatte man während des Hessentags noch den Eindruck, die Verwaltung steht wie eine

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Nun zeigt sich, dass die Probleme in der Verwaltung offenbar noch viel größer sind. Gerlinde Crocco und Holger Weißbrich aus dem Personalrat sowie Verdi-Vertrauensfrau Michaela Stasche zeichnen ein düsteres Bild: „September 2017 waren 90 Stellen in der Verwaltung nicht besetzt, und das hat entsprechende Auswirkungen“, sagt Stasche. Mitarbeiter aus verschiedenen Ämtern würden über großen Stress und zu hohe Arbeitsbelastung klagen. „Hier sitzen Menschen, die nicht mehr können und heulen“, sagt Michaela Stasche. Die Belastungsgrenze vieler Mitarbeiter sei überschritten. Konkrete Beispiele wollen Stasche und ihre Kollegen aus dem Personalrat nicht benennen – zum Schutze der Mitarbeiter.

Doch wissen sie von Personen, denen wegen „Nichterbringung von Arbeit“ in der Probezeit gekündigt wurde. Doch frage man die betreffenden Personen, was denn da los war, käme häufig die Antwort: „Es hatte ja auch niemand Zeit, mich einzuarbeiten.“ Unlängst habe gar eine Person in der Probezeit von sich aus gekündigt und als Grund genannt: „Das tue ich mir hier doch nicht an.“

„Klima der Angst“

Öffentlich wollen sich Mitarbeiter der Verwaltung nicht äußern, sie hätten Angst um ihren Job, sagt jemand. Gar als „Klima der Angst“ wird die Atmosphäre in einem Amt bezeichnet.

Für Crocco, Weißbrich und Stasche ist der Fall klar: „Es fehlt an einem nachhaltigen Personalkonzept in der Verwaltung.“ Etwa neun Prozent der Mitarbeiter hätten befristete Arbeitsverträge, es fehle überall an Fachpersonal, die Arbeitsverdichtung sei heftig, Auszubildenden werde hingegen keine Perspektive geboten: „Sie bekommen den Eindruck vermittelt, dass man nicht auf sie angewiesen ist. Doch ist eigentlich das Gegenteil der Fall“, sagt Holger Weißbrich. Die Situation habe sich in der Verwaltung seit vielen Jahren zunehmend zugespitzt. Stets sei versucht worden, den Haushalt auf den Schultern der Mitarbeiter zu konsolidieren. „Doch seit sechs Jahren hat sich das alles noch mal verschärft“, so die Verdi-Frau. Es habe an einer klaren Personalhaltung gefehlt. „Der neue OB hat ein schweres Erbe angetreten“, sagt Michaela Stasche.

Für eine Stellungnahme zu den Vorwürfen des Personalrats war der ehemalige Rüsselsheimer Oberbürgermeister Patrick Burghardt (CDU) gestern nicht zu erreichen: „Der Staatssekretär wird sich zu Themen in Rüsselsheim nicht äußern“, hieß es aus dem Presseamt des Wissenschafts-Ministeriums.

Der neue Oberbürgermeister Udo Bausch (unabhängig) will sich des Themas nun mit Nachdruck annehmen und die Arbeitsbedingungen im Rathaus verbessern. Angesprochen auf die geschilderten Probelme seiner Mitarbeiter sagt der Rathauschef: „Mir ist es wichtig, dass die Mitarbeiter, die eine gute Arbeit leisten, auch gute Rahmenbedingungen für ihre Tätigkeit vorfinden.“ So gebe es beispielsweise bereits eine dezernatsübergreifende Arbeitsgruppe zum Thema Personalentwicklung. „Außerdem wird momentan eine Arbeitsgruppe zum Thema Personalgewinnung und -bindung in den Kitas eingerichtet“, gibt er zu Protokoll.

Sechs neue Stellen

Auch weiß Bausch um den großen und weiter steigenden Druck in den Bürgerbüros. Um die personelle Situation in den Stadtbüros zu verbessern und dem großen Zuspruch Rechnung zu tragen, seien sechs neue Stellen im Stellenplan für 2018 angemeldet. Dass Auszubildenden keine Perspektive geboten wird, das will er so nicht stehen lassen: „Von den sieben Auszubildenden, die in diesem Jahr ihre Ausbildung bei der Stadt abschließen, haben zwei schon eine Zusage für eine unbefristete Übernahme. Bei zwei weiteren sind noch letzte Punkte zu klären, und auch die weiteren drei werden wir, wenn eben möglich, übernehmen. Ich gehe davon aus, dass dies gelingen wird.“

Auch macht er den Rathaus-Mitarbeitern Hoffnung auf eine baldige Verbesserung der Situation: „Die Zufriedenheit der Mitarbeiter hat für mich einen hohen Stellenwert. Daher muss an der Personalbindung und der Schaffung guter Rahmenbedingungen für die Beschäftigten gearbeitet werden.“ Dies seien wichtige Instrumente, um das bestehende Personal zu halten und neue Mitarbeiter zu gewinnen.

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