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Niederbrechen: Wie Abraham vom Flüchtling zum Kirmesburschen wurde

Von Vor drei Jahren kam Abraham Tesfamichael-Kidane nach Niederbrechen. Mit 15 war er aus Eritrea geflüchtet, mit einem Boot über das Mittelmeer. Jetzt hat er einen Ausbildungsplatz, eine Familie in Deutschland, Freunde – und ist Kirmesbursche in Niederbrechen.
Abraham Tesfamichael-Kidane (rechts) packt mit an. Außerdem im Bild die Kirmesburschen (von links) Raphael Groos, Leon Nebert, Martin Höhler, Florian Ratschke und John Glasner. Foto: Petra Hackert Abraham Tesfamichael-Kidane (rechts) packt mit an. Außerdem im Bild die Kirmesburschen (von links) Raphael Groos, Leon Nebert, Martin Höhler, Florian Ratschke und John Glasner.
Niederbrechen. 

Das Feuer ist ausgegangen. Das muss so sein. Wenn das Kirmeszelt gestellt wird, darf kein Brandherd übrig bleiben. Also heute kein Lagerfeuer bei der Baumwache. Auf dem Platz und im kleinen Zelt, das sich die Niederbrechener Kirmesburschen aufgebaut haben, wird es kälter. Am frühen Abend ist die Gruppe noch groß. Nicht alle werden bleiben, obwohl sie den Kirmesbaum rund um die Uhr bewachen, bis das Fest beginnt, also bis zum Wochenende.

Vater im Bürgerkrieg gestorben

Die Jungs tragen blaue Pullis. Der Tag war sonnig, am frühen Abend reichen Pullover. Mit fortschreitender Nacht müssen sie sich wärmer anziehen. Auch Abraham Tesfamichael-Kidane hat Extra-Sachen dabei. Er gehört zu denen, die diese Nacht Baumwache haben. Der 19-Jährige hat sich lange auf die Kirmes vorbereitet. „Mein Bruder John hatte mich vor drei Jahren mit ins PeeZ genommen“, erzählt er. Das PeeZ ist das Jugendzentrum. Hier traf sich der Jahrgang.

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clearing

„Seit etwa vier Jahren planen wir die Kirmes“, sagt Lukas Stillger. Die meiste Zeit ist Abraham dabei. Auf den Kirmesfotos fällt er auf, weil seine Haut dunkler ist als die der anderen. Er kam als „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“, wie es anonymisiert heißt, aus Eritrea. Sein Vater ist im Bürgerkrieg gestorben, seine Mutter, seine Schwester, sein Bruder sind geblieben. Die Mutter hoffte, ihr Sohn Abraham werde „über dem Meer“ in Sicherheit sein. Sie haben telefonisch Kontakt. „Wenn sie ein Telefon hat“, sagt Thomas Klippel. „Mein Vater.“ Mit diesen Worten stellt Abraham den Niederbrechener vor. So ist das für ihn. Thomas Klippel und Anja Schneider haben ihn in ihre Familie aufgenommen.

Flucht über das Mittelmeer

Der Weg der Flucht: Über den Sudan, Libyen, mit einem Boot über das Mittelmeer bis Lampedusa, über das Festland nach Deutschland. „Hier kam er Mitte Juli 2014 an. An dem Tag, als Deutschland Fußball-Weltmeister wurde“, erinnert sich Thomas Klippel. „Er war in Gemeinschaftsunterkünften. Von November 2015 bis Januar 2018 lebte er bei uns als Pflegefamilie. Gemeinsam mit unserem gleichaltrigen Sohn John, der im Alter von drei Jahren zu uns kam. Jetzt hat er seine erste eigene kleine Wohnung in Bad Camberg.“ Denn: Abraham Tesfamichael-Kidane hat seinen Hauptschulabschluss gemacht, nebenbei schon in Martins Radlwerkstatt in Bad Camberg geholfen, gehofft, dort nach dem Abschluss einen Praktikumsplatz zu bekommen. Martin Uhl tat mehr: Er bot ihm einen Ausbildungsplatz. Nun ist Abraham Azubi in Bad Camberg – und Kirmesbursche in Niederbrechen. „Er ist so begeistert dabei“, sagt Bärbel Stillger. Die Leiterin des Bad Camberger Stadtbauamts hat als Mutter eines Kirmesmädchens erlebt, wie sich die Gemeinschaft geformt hat. Zwölf Kirmesburschen und -mädchen sind es in diesem Jahr. „Ein recht kleiner Jahrgang“ meint Sprecher Lukas Stillger. „Deshalb müssen alle anpacken, weil wir so wenige sind.“ Das gilt auch für Abraham. „Sie haben mir erklärt, was eine Kirmes ist, was wir hier machen“, sagt er. Er ist Christ, kennt die Bedeutung des Kirchweihfestes – und den Anteil, den die Kirmesburschen daran haben.

„Wir sind gute Freunde“

„Ich erinnere mich, wie er zu uns kam. Aufgeschlossen, interessiert. Er hat viel gefragt und kam recht schnell klar. Wir sind schon gute Freunde“, berichtet Niclas Hütter. Leon Nebert: „Er ist unheimlich hilfsbereit, spricht jetzt auch gut deutsch, er ist cool.“ Florian Ratschker: „Was soll ich über den Abe (Anm.: englisch ausgesprochen) erzählen? Er ist der, der gefühlt am meisten da ist, wenn wir uns treffen. Auch wenn er jetzt nicht mehr in Niederbrechen wohnt.“ Martin Höhler: „Er ist immer dabei und macht mit. Er sagt auch, wenn ihm mal etwas zu viel ist.“ Das ist wichtig: akzeptieren, wenn für andere etwas nicht in Ordnung ist.

Abraham, der mit den anderen einen der kleinen Kirmesbäume stemmt, die vor einer Wirtschaft aufgestellt werden, lacht herzlich. Alle packen an. Die Jungs kommen klar, weil sie ein Team sind. Sie sind 19, 20 Jahre alt, haben die Schule hinter sich. Florian studiert Mathematik in Frankfurt, Martin Lehramt in Stuttgart, Niclas ist Azubi, möchte Einzelhandelskaufmann werden, Leon ist dualer Student, ebenso Lukas, der Elektrotechnik studiert. Abrahams deutscher Bruder John studiert Raumfahrttechnik. Er sah schon als Kindergartenkind in Niederbrechen zu den Kirmesburschen auf, als sie die Kita besuchten, und hat mit dazu beigetragen, diesen Funken auch in Abraham zu legen.

Die Jugendlichen freuen sich auf ihr großes Fest am Wochenende, haben Pläne für ihr Leben. Sie wollen sich weiter treffen. „Nicht mehr so oft wie jetzt, aber regelmäßig“, ist Lukas sicher. Abraham will dabei sein. Wie stellt er sich die Zukunft vor? „Wenn ich dann noch lebe“, sagt er plötzlich. Mit 19. Er hat so viel geschafft, aber eben auch früh gelernt, dass Leben zerbrechlich ist. Die jungen Leute haben Hoffnungen, lernen Berufe, gestalten ihre Zukunft. Abraham ist dankbar für die Unterstützung seines Umfelds. Für ihn ist das Jetzt wertvoll, die Gelegenheit, dabei und anerkannt zu sein, weil seine Freunde ihn kennen.

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