Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Verein "Kurstadt Bad Camberg barrierefrei": Barrieren in den Köpfen müssen fallen

Von Seit drei Jahren gibt es den Verein „Kurstadt Bad Camberg barrierefrei“. Die Initiative will Menschen mit Behinderung eine Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen. Es gibt viel zu tun, nicht nur im baulichen Umfeld.
Alexa Schmitt überquert mit Labrador-Hündin Lucca die Straße. Mit ihr ist sie in der Lage, sich in Bad Camberg zu bewegen. Foto: Petra Hackert Alexa Schmitt überquert mit Labrador-Hündin Lucca die Straße. Mit ihr ist sie in der Lage, sich in Bad Camberg zu bewegen.
Bad Camberg. 

Wer über die Straße möchte, berührt ganz leicht den gelben Signalgeber. Nach einer Weile springt die Ampel auf Grün, Fußgänger haben freie Bahn. Alexa Schmitt greift nach unten. Am unteren Ende des gelben Kästchens befindet sich ein Knopf. Jetzt ertönt ein Piepston, sobald die Ampel umschaltet. „Das hätte ich gar nicht gewusst“, sagt eine Passantin. Bernd Schlösser erklärt: „So funktioniert das akustische Signal. Hessen Mobil hat damit alle Ampeln an der B 8 in Bad Camberg ausgestattet.“ – „Nicht alle“, sagt Alexa Schmitt sofort. Die in Höhe des Bayerischen Hofs ist anders. Noch. „Da werde ich sofort nachhören“, sagt Bernd Schlösser.

Alexa Schmitt hört den Stock von Horst Baumeister: Auch er ist fast blind. Bild-Zoom Foto: Petra Hackert
Alexa Schmitt hört den Stock von Horst Baumeister: Auch er ist fast blind.

Der frühere Leiter der Freiherr-von-Schütz-Schule für Hörgeschädigte ist der Vorsitzende des Vereins „Kurstadt Bad Camberg barrierefrei“. Wir haben uns mit Alexa Schmitt verabredet und lernen einiges dazu – über Barrieren in der Welt und in den Köpfen.

Treppen und Apps

  Hilfen für Menschen mit Sehbehinderungen: Alle Treppen müssen besser markiert sein.

clearing
Treppen und Apps

  Hilfen für Menschen mit Sehbehinderungen: Alle Treppen müssen besser markiert sein.

clearing

„Das war mir sehr unangenehm“, erzählt Schmitt zum Beispiel. Sie ist nämlich mit einem Blindenhund unterwegs. Die 48-Jährige hat eine degenerative Augenerkrankung, sieht jetzt nur wenige Schemen, manchmal Farben, wenn das Licht sehr gut ist. Da hilft Lucca.

Ruhig bleiben

Die Labrador-Hündin ist ein ausgebildeter Blindenhund und auf viele Situationen trainiert. Wichtig ist zum Beispiel, ruhig zu bleiben, auch bei lauten Geräuschen, und mit darauf zu achten, dass ihr Frauchen den Weg findet.

Was war so unangenehm? Ach ja. Sie war zum Einkaufen in einem Lebensmittelmarkt. „Muss das sein mit dem Hund?“, kam eine laute, etwas schnippische Stimme. Eine andere Kundin. Die Marktleiterin war gleich zur Stelle und erklärte: Die Dame ist blind, deshalb ist das Tier hier. „Ich weiß schon, dass man normalerweise nicht mit einem Hund überall hingeht“, sagt Alexa Schmitt. Aber das geht schon und stört niemanden. Die Frau hat sich entschuldigt. Doch das Geschirr des Tieres, die weißen Stangen und Riemen, die ganze Ausstattung – das hätte sie schon vorher sehen können, wäre sie etwas achtsamer gewesen.

In einem anderen Laden war es sogar die neue Marktleiterin, die die blinde Kundin anging und feststellte, sie dürfe mit Hund nicht hinein.

Eine Freundin regte sich so darüber auf, als sie davon hörte, dass sie es für sie klärte. Es ist fortan wieder erlaubt. Doch das Erlebnis sitzt tief. Die Frage: „Waren Sie seitdem noch einmal da?“ – „Nein, nicht mehr“, gibt sie zu. Dieses Geschäft meidet sie jetzt. Das fällt sofort auf: Alexa Schmitt ist sehr, sehr aufmerksam. Das, was sie nicht sieht, kompensiert sie über das Hören. Mit Hilfe von Lucca ist sie in der Lage, sich in Bad Camberg gut zu bewegen. Obwohl: Großen Menschenmengen weicht sie aus. Sie wohnt am Marktplatz, und wenn dort zum Beispiel die Fastnachtsveranstaltungen sind, wird sie fernbleiben. Zu viele Geräusche. Da findet sie sich nicht zurecht. Und das Gedränge. Das ist unangenehm, wenn man nicht sieht.

„Kommt es häufig vor, dass sie unterwegs berührt oder geschubst werden?“, will Bernd Schlösser wissen. „Nein, gar nicht“, sagt die Bad Cambergerin. „Das liegt aber auch daran, dass ich gewisse Situationen meide.“

Da, wo zum Beispiel viele Menschen sind, geht sie lieber nicht hin. Aber sie hat gewohnte Strecken, auf denen sie sehr gut zurechtkommt. Zum Beispiel auch, wenn sie mit ihrem Mann im Kurpark unterwegs ist. Der ist ebenfalls blind, außerdem auf den Rollstuhl angewiesen.

„Ich bewundere, was da für eine Kompetenz dahintersteckt, so wie Sie das meistern“, sagt Bernd Schlösser. „Ich habe meine festen Wege“, erklärt Alexa Schmitt. Und: „Wenn ich in einer anderen Stadt unterwegs bin, dann ist meistens eine Begleitung dabei.“ Wie jüngst in Limburg. Da war sie mit Sohn Lukas unterwegs. Das Kommando für Hündin Lucca lautet dann: „folgen“ oder „Lukas folgen“. Dann ist alles ganz problemlos. Wir überqueren die Ampel, gehen ins Gesundheitszentrum und stellen fest: Die unterste Treppenstufe ist mit einem schwarz-gelben Klebeband markiert. Das war eine Anregung von Bernd Schlösser, denn Treppe und Gänge sind aus dem gleichen hellen, marmorartigen Material, die Übergänge nun besser zu erkennen. Wir gehen wieder hinaus, wollen uns ins Café setzen. Geschickt weichen Lucca und Alexa den Säulen aus. Die junge Frau schmunzelt bei der Antwort auf diese Frage: „Ja, Lucca plant immer ein bisschen mehr Platz für mich mit ein. Das hat sie trainiert.“ Den Blindenstock benutzt sie manchmal auch. Jetzt bleibt er zusammengeklappt in der Tasche. Wir setzen uns ins Café zum Austausch. Die Tür geht auf, ein Mann mit Stock ist aus Richtung Tresen gekommen und möchte hinaus. Er bewegt sich vorsichtig, die Augen hinter der Sonnenbrille schauen fast ins Leere. Leises Klicken. „Horst, bist Du das?“ – „Alexa!“, kommt die prompte Antwort. Horst Baumeister ist ebenfalls fast blind. Der 46-Jährige ist Alexa Schmitt schon öfter begegnet. Sofort beginnt ein munterer Plausch, immer wieder wird Lucca gestreichelt. Sie ist so brav. Doch woher wusste die blinde Frau, dass Horst die Person war, die gerade das Café verlassen wollte? Sie haben sich doch gar nicht gesehen. Dieses Rätsel interessiert. Sie lacht. „Horst wohnt hier in der Nähe. Ich habe den Stock gehört und gedacht, das kann nur er sein.“So erzählen beide noch ein wenig von den Dingen, die ihnen das Leben leichter machen. Eines könnte die geplante Brücke über die Kurpark-Schlucht werden, denn die schmale Treppe hinab ist nicht nur leicht schräg, sondern auch löchrig. „Ich ärgere mich immer wieder, wenn ich da langgehe“, sagt Alexa Schmitt. Schlechte Straßenbeläge sind schwierig. Ein anderes Problem sind Höhenhindernisse.

Plötzlich Ast oder Gebüsch

Was das ist? Wenn zum Beispiel in Kopfhöhe plötzlich ein Ast oder ein Stück Gebüsch auftaucht, weil es über ein Grundstück auf den Gehweg ragt. Hündin Lucca ist trainiert, so auszuweichen, dass Alexa nichts geschieht. Nur wenn der Weg sehr eng ist, wird auch das schwierig. Und mit Stock wäre da an manchen Stellen gar nichts zu machen – Kollision programmiert, wie zum Beispiel am Wiesbadener Bahnhof. Da führt ein taktiler Streifen, der dem Stock als Wegführung dient, direkt auf eine Hinweistafel. Der Streifen ist fast durchgehend weiß bemalt, nur an einer Stelle nicht: Die weiße Linie schwenkt plötzlich eckig um die Tafel herum. Der Streifen nicht. Er führt weiter geradeaus. So steht das Hindernis mittendrauf. Es gab schon einige Unfälle. „Manchmal muss man es einfach nur wissen“, sagt Bernd Schlösser. Er achtet nun selbst darauf und sieht, ob eine Hecke so geschnitten ist, dass Fußgänger mit Beeinträchtigungen die angrenzenden Wege noch benutzen können.

Viele Anregungen

Der Arbeitskreis „Bad Camberg barrierefrei“ hat eine ganze Reihe von Anregungen aufgenommen, was sich ändern könnte. „Manches lässt sich vielleicht gleich, anderes eher mittel- oder langfristig tun. Einige Dinge kosten vielleicht noch nicht einmal viel Geld“, sagt er. Man muss es nur wissen.

Zur Startseite Mehr aus Limburg

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse