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Spartathlon: Fast blinder Bad Homburger kämpft sich durch den härtesten Ultralauf der Welt

Von Etwas bis zum Umfallen tun: Was für Otto Normalbürger eine Redensart ist, um klarzumachen, dass besagte Handlung ihm das Allerletzte abverlangt, hat der fast blinde Marathonläufer Harald „Harry“ Lange aus Bad Homburg zuletzt wörtlich genommen. Er rannte beim Spartathlon 2018 bis zum sprichwörtlichen Umfallen.
Der Lauf von Athen südwärts war schwierig; am Horizont dräuen Wolken – aber Harry Lange lacht trotzdem. Der Lauf von Athen südwärts war schwierig; am Horizont dräuen Wolken – aber Harry Lange lacht trotzdem.
Bad Homburg. 

Der Mann rennt und rennt und rennt. Lief 2012 beim Zugspitz-Extremberglauf mit, eine 18-Kilometer-Strecke mit 2235 Metern Höhendifferenz, 2014 beim Braveheart Battle, einem 24 Kilometer langen Extremlauf mit unzähligen Hindernissen, 2015 dann 240 Kilometer durch die Wüste, 2017 die 1300 Kilometer lange Strecke von Sylt bis auf die Zugspitze. Marathonläufe und Ultraläufe – das sind jene, die länger sind als die Marathondistanz von 42,195 Kilometern Länge, sind Harald „Harry“ Langes Steckenpferd. Und das, obwohl der Mann fast blind ist. Auf einem Auge sieht er gar nichts, das andere hat nur noch fünf Prozent Sehkraft.

Nicht, dass ihn seine Behinderung jemals davon abgehalten hätte, irgendwo mitzurennen. Nicht beim ersten Dornholzhäuser Halbmarathon im August – der für einen Mann seines Kalibers natürlich ein Klacks ist –, und auch nicht beim Spartathlon Ende September in Griechenland.

Diesen über 246 Kilometer führenden Ultralauf wollte der 38-Jährige schon lange mitmachen: „Von Athen nach Sparta – das reizte mich schon lange, und nicht nur das, die Strecke muss innerhalb von 36 Stunden zurückgelegt werden, das schafft noch mal einen besonderen Anreiz“, sagt der Homburger. Es sollte also das Rennen seines Lebens werden – „ich hätte mir gewünscht, dass die Taunus Zeitung titelt: ,Fast blinder Marathonläufer finisht allein den Spartathlon 2018‘ – aber es kam anders“, berichtet er.

Doch der Reihe nach. Bis Kilometer 100 – und man bedenke bitte, dass das sozusagen zweieinhalb Marathons sind – sei alles prima gelaufen. Los ging’s am Freitag, 28. September, morgens um 7 Uhr an der Akropolis, Ziel war die Statue des Königs Leonidas in Sparta im Süden der Peleponnes – dort mussten die Teilnehmer wegen der vorgegebenen Zeit am Samstag, 29. September, um 19 Uhr sein. „Ich war gut drauf, unverletzt und guter Dinge“, erinnert sich Lange. „Voller Demut ob der vor mir liegenden Distanz“ sei er gewesen, aufgeregt – und in Form.

Bis Korinth lief alles rund

Bis Korinth lief alles prima – das liegt etwa bei Kilometer 81. Lange lief in acht Stunden und 40 Minuten dorthin. „Ich dachte, jetzt kann ich es etwas ruhiger angehen lassen und mir die Zeit etwas besser einteilen“, erinnert sich der Läufer. Schließlich habe er so viel Zeit in Trainings für den Spartathlon investiert, da wollte er den Lauf nicht durch Unbedachtheit gefährden.

„Von Kilometer 100 an allerdings nahm das Schicksal seinen Lauf“, berichtet der Extremsportler. Es fing nämlich heftig an zu regnen. Und Lange hatte nur eine dünne Regenjacke dabei. Warf sich an einem Verpflegungspunkt in schierer Verzweiflung eine Mülltüte über. „Ich sagte mir, die 60 Kilometer bis zum nächsten Pausenpunkt, an dem ich eine lange Hose bekommen würde, die müsste ich halt einfach schaffen. Und quälte mich zu Kilometer 148 vor, wo es langsam, aber sicher, bergauf ging.“

Lange schaffte tatsächlich die Strecke zum Mountain-Basecamp – über einen Anstieg von 1000 Höhenmetern – und bekam auf dem Gipfel des Sangaspasses endlich warme Klamotten. „Ich war zuversichtlich, dass ich auch den Rest schaffen würde.“ Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er in 24 Stunden und 30 Minuten immerhin 172 Kilometer geschafft hatte. Und der Regen hatte nun auch aufgehört. Allerdings nur kurzzeitig. Denn bei Kilometer 195 „kamen wieder Sturzbäche runter“, erinnert sich Lange und fügt hinzu: „Ich fror, war nass bis auf die Knochen, ich hatte kaum Tritt, weil der Boden so matschig war, und Hunger hatte ich auch wie verrückt.“

Die Straße schwamm

Bei Kilometer 200 habe er sich gesagt: „Sechs Stunden hast du noch und 46 Kilometer sind es doch nur noch!“ Aber Zeus habe ihm das Leben zur Hölle gemacht. „Es tratschte runter, aber vom Feinsten. Die Straße schwamm, Autos spritzten einem gefühlt 50 Liter Wasser um die Ohren.“ Ich dachte, ich ertrinke. Und auch: Ich will nach Sparta! Aber jetzt schmerzt auch noch mein linker Fuß!“ Er quälte sich bis Kilometer 216, dann noch bis 220. „Aber dann war Schluss“, sagt Harry Lange. „Ich stieg aus, ehe ich auf der Strecke zusammengebrochen wäre.“ Er hielt einen Reisebus an und bat den Fahrer, ihn am nächsten Krankenhaus abzusetzen.

Er will erneut starten

Nun wieder zu Hause und bei Kräften, resümiert er: „Es ist traurig, dass ich das Rennen nicht zu Ende gelaufen bin, keine Frage. Und dass mich nur 26 Kilometer vom Erfolg trennen, macht die Sache für mich mental wahrlich nicht leichter.“ Aber: „Kein Rennen ist es wert, dass man sein Leben aufs Spiel setzt. Ich wollte den Grat zwischen fahrlässiger Dummheit und gerade noch so machbar nicht überschreiten. Deswegen musste ich – das erste Mal in meiner Läuferkarriere übrigens – aufhören. Und deswegen war die Entscheidung schwerwiegend, aber auch richtig.“

Abgesehen davon: „Es gibt ja auch einen Spartathlon 2019. Und an dem will ich erneut starten und dann das Rennen beenden.“

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