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Demokratie: Ehemaliger EKD-Vorsitzender spricht beim Jahresempfang des Kreises über ein hochaktuelles Thema

Von 1918 gilt als Geburtsjahr der deutschen Republik. 100 Jahre später ist es für viele eine Selbstverständlichkeit, in einer stabilen Demokratie zu leben. Die Mahnung, dass sie keineswegs so stabil ist, wurde zuletzt immer lauter – und war jetzt auch beim Jahresempfang des Hochtaunuskreises deutlich zu vernehmen.
In griechischen Buchstaben stand das Wort „Demokratie“ auf der Leinwand, als Prof. Wolfgang Huber seinen Vortrag hielt. Foto: Jochen Reichwein In griechischen Buchstaben stand das Wort „Demokratie“ auf der Leinwand, als Prof. Wolfgang Huber seinen Vortrag hielt.
Hochtaunus. 

Das Thema des Abends war lange geplant und stand schon fest, als es in Chemnitz noch friedlich zuging. Doch inzwischen ist dort und andernorts in der Republik nichts mehr, wie es war. Und so ist der Blick auf unsere Demokratie, auf ihr Fundament, ihre Gegner und ihre Verteidiger in diesen Tagen aktueller denn je. Wie wertvoll sie ist, wie sie zu schützen und zu bewahren ist – darüber hat Prof. Wolfgang Huber (76) am Mittwochabend im Bad Homburger Güterbahnhof gesprochen.

„Demokratie braucht Verantwortung“ lautete der Titel des Vortrags, den der ehemalige Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beim Jahresempfang des Hochtaunuskreises hielt. Huber gestand ein, dass dieses Thema vor einigen Wochen noch etwas abgehoben gewirkt hätte. Aber Chemnitz habe vieles verändert – und dann wurde er auch schon leidenschaftlich. Der frühere EKD-Chef kritisierte die „beispiellose Würdelosigkeit“ im Umgang mit dem Geschehenen, die Scharmützel um die Benennung der Auswüchse (Stichwort: Hetzjagd) und auch die Versuche von interessierter Seite, aus den Ereignissen politisches Kapital zu schlagen.

An dieser Stelle verwies Huber auf Erich Kästner, der zu einer Zeit, als der Ungeist der Nazi-Ideologie noch hätte bekämpft werden können, gewarnt hatte: „Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine wird. (. . . ) Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat.“ Auch heute würden die zentrifugalen Kräfte in der Gesellschaft wieder zunehmen.

Huber beobachtet ein Klima der zunehmenden Verrohung und sieht den gesellschaftlichen Zusammenhalt als gefährdet an. Während die Polarisierung auf der linken und rechten Seite zunähme, hätten es „die Menschen dazwischen“ schwer, sich Gehör zu verschaffen. Dabei sei eine Zuschauer-Haltung für die Gesellschaft genauso gefährlich wie „schnaubende Wutbürger“.

Was aber tun? Es gehe nicht darum, vorhandene Probleme zu verharmlosen, betonte Huber. Vielmehr müsse man Menschen, die verunsichert und verängstigt seien, zuhören und sie unterstützen, ihr eigenes Leben wieder besser in den Griff zu bekommen. „Nur wenn man die Angst zum Thema macht, hat man eine Chance, etwas zu verändern“, sagte Huber.

An die zahlreichen Vertreter aus allen gesellschaftlichen Bereichen des Hochtaunuskreises, die zum Empfang in den Güterbahnhof gekommen waren, richtete der Theologe den Appell, Verantwortung für die Demokratie zu übernehmen. „Politik ist nicht allein Aufgabe von Berufspolitikern, sie ist Aufgabe aller Bürger.“

Auch Ulrich Krebs (CDU) hatte in seiner Begrüßung schon angemerkt, dass unsere Staats- und Gesellschaftsordnung „kein Naturgesetz“ sei. Und auch der Landrat hatte Bezug auf die Vorkommnisse in Chemnitz genommen. „Rechtes Gedankengut wird laut und findet immer mehr Anhänger – dagegen müssen wir gemeinsam etwas tun“, sagte Krebs. Es dürfe nicht sein, dass jemand aufgrund seiner Hautfarbe oder Herkunft diskriminiert werde. „Wir mussten sehen, wie Menschen verbal und physisch gehetzt wurden. Gegen diese Tendenzen müssen wir uns wehren“, forderte der Landrat und appellierte, „der Welt Geschlossenheit gegen diese unsäglichen Parolen zu demonstrieren.“

Von der Politik erwarte er, dass sie sich den Problemen stellt und auch den Mut aufbringt, Fehler einzugestehen und zu korrigieren. Aber vor allem sei die Bereitschaft gefordert, gemeinsam an der Stärke der demokratischen Ordnung mitzuarbeiten. „Demokratie ist nicht einfach da – sie entsteht nur, wenn wir uns demokratisch verhalten“, betonte Krebs.

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