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600 Obduktionen im Jahr: Wir haben die Rechtsmedizin in Frankfurt besucht

Eines der größten rechtsmedizinischen Institute Europas befindet sich in Frankfurt, in einer Villa an der Kennedyallee. Wir haben mit seinem Leiter Marcel Verhoff gesprochen – über Kinderobduktionen, mumifizierte Junkies und ein Leben nach dem Tod.
Foto: Christophe Braun

„Der Tod kann jederzeit kommen – und ganz schnell. Das ist so ziemlich das Erste, was Sie hier lernen“, sagt Marcel Verhoff. „Es gibt 30-Jährige, die an Herzinfarkten sterben. Wenn man das so oft sieht, wie wir es hier tun – Ich glaube, man lernt, das Leben mehr zu schätzen.“


Marcel Verhoff leitet das Institut für Rechtsmedizin an der Frankfurter Universität. Es ist eines der größten rechtsmedizinischen Institute Europas. Gut 600 Tote werden hier pro Jahr obduziert; zusätzlich finden tausende Leichenschauen statt. Der 47-Jährige hat als Sachverständiger unter anderem in den Prozessen um die getötete Studentin Tugce aus Offenbach und die ermorderte Schülerin Peggy aus Oberfranken fungiert.


Studiert hat Verhoff in Gießen; erst seit ein paar Jahren ist er in Frankfurt. „Klar hatte ich am Anfang meiner Ausbildung großen Respekt vor der Tätigkeit“, sagt der Mediziner. „Ich habe mich gefragt: Was ist, wenn Du Kinder obduzieren musst? Oder Menschen, die Du kanntest? In Gießen ist das dann passiert. Aber es hat mir keine Probleme bereitet. Ein Leichnam ist einfach … anders. Und sobald ein Toter vor mir auf dem Tisch liegt, weiß ich, dass ich jetzt sowieso nichts mehr ändern kann.“



Rechtsmediziner unterstützen die Justizbehörden bei ihren Ermittlungen. Sie klären Todesursachen und –umstände und sammeln, sofern nötig, Hinweise zur Identität eines Verstorbenen. In der Kühlkammer im Keller des Frankfurter Institutes werden durchgehend Leichen gelagert; mehrmals pro Woche werden Tote auf Anweisung der Justizbehörden obduziert.

„Der Leichnam ist der Überrest eines Menschen. Und so behandle ich ihn auch – mit Würde“, sagt Marcel Verhoff. „Dieser Mensch, der da vor mir liegt, spricht zwar nicht mehr – aber er kann mir trotzdem noch viel erzählen.“


Verhoff hat sich auf die Analyse von stark verwesten Leichnamen und Knochen spezialisiert. Seine Institutskollegen erforschen andere Teilgebiete der Gerichtsmedizin: sie rekonstruieren Gesichter, untersuchen Insekten, die sich auf Leichen ansiedeln, oder erforschen Kieselalgen, die im Kreislauf ertrunkener Menschen gefunden werden. „Es ist faszinierend, einzelne Informationen zusammenzutragen, mit den Erkenntnissen der Ermittler abzugleichen und dann nach und nach ein Szenario für einen Todesfall zu entwickeln“, sagt Verhoff. „In gewisser Weise ist das detektivische Arbeit – aber wir folgen da einem sehr klaren Schema. Die eigentliche Ermittlungsarbeit übernehmen die anderen.“



Eine Obduktion dauert im Normalfall ein bis zwei Stunden, kann sich aber gegebenenfalls auch über den ganzen Tag erstrecken. In den meisten Fällen finden Verhoff und seine Kollegen eine natürliche Todesursache – Menschen sterben an Herzversagen, Infekten, Schlaganfällen. Trotzdem führen sie jede Obduktion mit großer Sorgfalt durch. „Es würde doch genügen, dass einer von 600 umgebracht worden ist, oder?“, sagt der Gerichtsmediziner.



Im Frankfurter Stadtgebiet müssen die Gerichtsmediziner immer wieder sogenannte Wohnungsleichen untersuchen – Tote, die tage-, manchmal wochen- oder monatelang in einer Wohnung liegen, ehe sie gefunden werden. Ein Fall ist Verhoff besonders in Erinnerung geblieben: Zwei Junkies wurden in einer Wohnung gefunden – einer lag am Boden, der andere beugte sich über ihn und hielt sich dabei an einem Stuhl fest. „Offenbar wollte er seinem Partner helfen, als er selbst gestorben ist. Der Krampf hat sich dann aus irgendeinem Grund nicht mehr gelöst – als wir sie gefunden haben, stark verwest, waren sie immer noch in dieser Position. Solche Fälle gibt es immer wieder – das hat natürlich schon eine gewisse Faszination.“



Gerade bei Wohnungsleichen sei es wichtig, die Identität eindeutig festzustellen, sagt Verhoff, denn hier komme es immer wieder zu Verwechslungen. „Wir haben mal eine Erhebung gemacht und herausgefunden, dass bei der Hälfte aller Wohnungsleichen überhaupt keine Identitätsprüfungen durchgeführt werden.“ In einem Fall in Frankfurt sei ein vermeintlich Toter plötzlich wieder da gewesen: Er hatte seine Wohnung während eines Auslandsaufenthalts einem Schulkameraden überlassen; als dieser starb, gingen die Behörden davon aus, dass es sich um den Wohnungseigentümer handelte. „Deshalb“, sagt Verhoff, „ist Sorgfalt in unserem Job entscheidend.“


Wie wirkt sich der tägliche Umgang mit dem Tod auf das eigene Weltbild aus – auf den eigenen Glauben? Verhoff zuckt mit den Schultern: „Ich beschäftige mich hier mit biologischen Zusammenhängen, das ist alles“, sagt er. „Auf meinen Glauben hat das überhaupt keine Auswirkungen. Ich glaube, dass es nach dem Tod weitergeht. Warum auch nicht? Nichts, was Sie hier im Institut finden, kann das bestätigen – oder widerlegen.“

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