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Ein Hauch von Hollywood: Wenn Laien einen Film drehen

Im Deutschen Filmmuseum können Gruppen ihren ganz eigenen Film drehen. Die Filmwerkstatt von Michel Gondry macht’s möglich.
Dieser „Arzt“ (Insa Gaye im weißen Kittel) hat eine Ukulele im Sprechzimmer – und einen diskussionsfreudigen „Patienten“ (Jacques Kerleau) vor sich. Die Szene gehört zum Projekt „Abgedreht – Die Filmfabrik“. Kamerafrau ist die Schülerin Mathilda Schuh. Bilder > Foto: Michael Faust Dieser „Arzt“ (Insa Gaye im weißen Kittel) hat eine Ukulele im Sprechzimmer – und einen diskussionsfreudigen „Patienten“ (Jacques Kerleau) vor sich. Die Szene gehört zum Projekt „Abgedreht – Die Filmfabrik“. Kamerafrau ist die Schülerin Mathilda Schuh.
Sachsenhausen. 

„Mein Kopf! Wo bin ich? Was ist passiert?“ Jacques Kerleau liegt mehr auf dem türkisblauen U-Bahn-Sitz, als dass er säße, die Batschkapp hängt schief auf seinem Kopf, vorm Fenster rauschen Straßenschilder, Hausfassaden und Autos vorbei. Unter seinem Arm findet er einen Schuh mit Leoparden-Muster. „Wo ist die?“, ruft er, während er den Schuh aufhebt. Das Einhorn, das auf dem Vierer-Sitzplatz vor ihm hockt und einen Badminton-Schläger in der Hand dreht, lässt das alles ungerührt.

Doch Kerleau hat keine wilde Party-Nacht hinter sich, die vermeintliche U-Bahn ist keine U-Bahn und das Einhorn ist ganz offensichtlich nur ein Mann in einem plüschig-bunten Kostüm. Zauberkünstler Julius Zier hat sich in das schrille Outfit stecken lassen – für einen Filmdreh mit acht wildfremden Menschen am Set des Deutschen Filmmuseums. „Abgedreht – die Filmfabrik von Michel Gondry“ ist der Titel des Projekts, das heute mit ein paar Freunden und Bekannten des Museums geprobt wird, ehe es dann ab dem 14. September ganz offiziell für jedermann offen steht.

Vorbild ist eine Komödie

„Abgedreht“ ist auch der deutsche Titel der Komödie „Be Kind Rewind“ aus dem Jahr 2008, in der ein Videotheken-Team in New Jersey (USA) nach einem verheerenden Brand beginnt, die von Kunden bestellten Filme eigenhändig nachzudrehen. Der Film stammt vom französischen Regisseur Michel Gondry und gab Anstoß zu der Frage, was wohl passieren würde, wenn Laien binnen weniger Stunden spontan einen Film drehen müssten. So entstand die Idee zu Michel Gondrys Filmwerkstatt, einem Konzept, das nun nach Frankfurt kommt, nachdem es bereits zwölf andere Städte rund um den Globus beehrt hat, darunter Moskau, Johannesburg und Tokio. Zur Buchmesse wird Michel Gondry dann auch persönlich das Filmmuseum besuchen.

Doch wie soll eine Gruppe aus bis zu zwölf Laien, die sich in der Regel noch nicht einmal kennen, binnen drei Stunden einen Film zustande bringen? „Darum geht es gar nicht wirklich“, erklärt Moritz Hingott, der sein Freiwilliges Soziales Jahr im Filmmuseum absolviert hat und nun das Projekt zusammen mit Kollegin Mascha Dämkes betreut. „Wir erwarten nicht, dass ein professioneller Film zustande kommt. Es geht darum, dass die Teilnehmer Spaß daran haben, zusammen etwas zu erschaffen.“

Viele Kulissen am Set

Zuerst macht die Gruppe sich mit den diversen Filmkulissen vertraut: Ein Schlafzimmer, ein Café, eine Praxis, ein Friedhof, ein Camp im Wald, eine Gummizelle, ein Wohnzimmer und ein Motorroller sind die Herzstücke des Sets, welches das Team des Filmmuseums auf kleinem Raum und mit viel Liebe zum Detail zusammengestellt hat.

Danach werden die ersten Aufgaben verteilt: Wer wird die Kamera führen? Wer protokolliert die Ideen und verfasst den Drehplan? Anschließend geht’s ans Eingemachte: Welches Genre soll der Film haben? Vom Gangster-Film über den Film noir bis zum Erotik-Streifen werden Ideen gesammelt, Protokollant Julius Zier schreibt fleißig mit, nach einer Abstimmung steht fest: Es wird eine Gangster-Horror-Komödie.

Auch über den Titel wird basisdemokratisch entschieden. Aus Vorschlägen wie „Nordend/Mordend“, „Frankfurter Bahnhofsviertel“ und „Mord im Huthpark“ wählt die Gruppe „Der Vampir-Pate“. Anschließend wird die Handlung erarbeitet, die Ideen überschlagen sich: Der Vampir-Pate verkauft Drogen im Bahnhofsviertel, die andere zu Vampiren machen. Zwei Ermittler, Luchs und Fuchs, sind ihm auf den Fersen.

„Wie wäre es, wenn ein Kommissar die Drogen selbst genommen hat und eine Nacht Zeit hat, um das Gegenmittel zu finden?“, schlägt Jan Hoffmann vor, Küchenchef des Sterne-Restaurants Seven Swans. „Sein Partner weiß das natürlich nicht“, wirft Julius Zier ein. „Eine übereifrige Vampir-Praktikantin hat ihm in einer Party-Nacht die Drogen untergejubelt und er weiß erst mal gar nicht, was mit ihm los ist“, ergänzt Judith Henke, der später die Rolle der Vampir-Praktikantin Lucy zugewiesen wird. „Und sein Partner schickt ihn zum Arzt“, schlägt ein anderer Teilnehmer vor. „Aber der Arzt ist am Ende selbst ein Vampir.“

Schnell wird aus dem Vampir-Paten noch eine Vampir-Patin, die die Praktikantin für ihren Alleingang zur Rechenschaft zieht, und da beim Verteilen der Rollen keine Rolle mehr für Protokollant Julius Zier übrig bleibt, tritt das Einhorn auf den Plan, das in jeder Szene als Komparse auftaucht und für den komödiantischen Teil sorgt.

Kostüme aus dem Fundus

Jeder sucht sich ein Kostüm aus dem Fundus, fehlende Requisiten werden aus Tonkarton gebastelt und ehe sich alle versehen, finden sie sich verkleidet und aufgeregt inmitten des Sets wieder. „Hast du Drogen genommen?“, fragt der Mann im Arztkostüm Jacqes Kerleau, der den vampirisierenden Kommissar Luchs mimt, und daraufhin ausrastet.

„Cut“ (Schnitt) ruft Kamerafrau Mahilda Schuh, im wahren Leben Schülerin. „Jetzt ab zur Gummizelle“, sagt Jan Hoffmann und hat im selben Moment einen Einfall: „Und aus der Gummizelle kommt dann das Einhorn raus!“. Die Anderen sind begeistert. In der Schlussszene treffen Luchs und Fuchs, der Arzt und die Vampir-Gang auf dem Friedhof zusammen. „Jetzt sind wir alle Vampire“, freut sich die Patin. Das Einhorn betritt die Kulisse und sagt betreten: „Nur ich nicht.“

„Bei dem Projekt geht es darum, dass das Team sich findet und gemeinsam Ideen erarbeitet. Das hat heute super funktioniert, die Stimmung war richtig ausgelassen“, erklärt Moritz Hingott im Anschluss an den Dreh. Jetzt gilt es nur noch, gemeinsam ein Cover für den Film zu entwerfen, der dann ins Archiv des Museums übergehen wird. Im Anschluss drängen sich alle in den kleinen abgedunkelten Vorführraum, um den Gangster-Horror-Comedy-Streifen anzusehen, doch es gibt eine Überraschung: „Wir haben leider ohne Ton gedreht“, verkündet Daria Berten vom Filmmuseum und ist sichtlich enttäuscht. Zugleich ist sie froh, dass das beim Probelauf passiert und sie und das Team den Fehler berichtigen können. Die meisten Teilnehmer sehen es locker. „Das Ganze kommt als Stummfilm auch sehr gut rüber“, findet Kamerafrau Mathilda Schuh. Und auch Philly Makora, die in der Rolle von „Vampir Fruity“ aus sich herausgegangen ist, zieht ein positives Fazit: „Ich bin von Natur aus eher schüchtern – aber heute bin ich trotz der vielen fremden Leute richtig über meinen Schatten gesprungen.“

Kostenfreies Angebot

„Abgedreht – Die Filmfabrik von Michel Gondry“ bietet Besuchern des Filmmuseums ab heute und bis 28. Januar die Möglichkeit, in einer Gruppe von fünf bis zwölf Personen einen eigenen Film zu drehen. Für Einzelpersonen und Schulklassen ist das kostenlos. Gruppen, die die Filmfabrik als exklusiven Event mit Sektumtrunk buchen möchten, können sich ein Angebot machen lassen unter Telefon (069) 961 22 00.

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