E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Bad Vilbel 30°C Eine Angebot von Franfurter Neue Presse
1 Kommentar

Tierschutz: Was Frankfurt den Tauben schuldig ist

Krankheiten, Misshandlungen, Hunger: Viele Tauben in Frankfurt verwahrlosen. Die Mitarbeiter des Stadttaubenprojekts pflegen sie auf einem Gnadenhof in Oberrad. Sie sagen: Damit die Situation der Vögel sich wirklich bessert, muss sich die ganze Stadt verändern.
Gudrun Stürmer hält eine verletzte Taube in ihren Händen. Foto: Christophe Braun Bilder > Gudrun Stürmer hält eine verletzte Taube in ihren Händen. Foto: Christophe Braun
Frankfurt. 

Die Taube steht regungslos im Käfig. Ihr Gefieder ist blass und struppig, die Augen wässrig, die Nasenhaut grau verfärbt. Sie zittert.

Vor wenigen Minuten hat ein Mann sie zum Gnadenhof des Frankfurter Stadttaubenprojekts in Oberrad gebracht. Gudrun Stürmer hat das Tier in Empfang genommen, untersucht und in die Krankenstation gebracht.

"Das ist ein typischer Fall", erklärt die 63-Jährige. "Ein stark unterernährter Vogel. Sie lag stundenlang am Hauptbahnhof auf dem Boden, konnte sich nicht mehr bewegen, bis einer kam und sie mitgenommen hat."

Sie streicht der Taube über das Gefieder. "Hier", sagt sie, "fühlen Sie mal - da können Sie das Brustbein spüren. So abgemagert ist sie."

Bevor Stürmer die Taube zurück in den Käfig steckt, gibt sie ihr aus einer Spritze ein Schmerzmittel zu trinken. "Dann wird sie ruhiger", sagt Stürmer. "Später kann sie wieder essen."

 

Fahrradunfälle, Misshandlungen, Unterernährung

Seit 2006 pflegen Gudrun Stürmer und ihre Kollegen vom Frankfurter Stadttaubenprojekt in Oberrad kranke und verletzte Tauben. Rund 3.000 Vögel nehmen sie im Jahr auf - Tauben, die von Fahrrädern angefahren und verletzt werden; Tauben, die mutwillig misshandelt werden; unterernährte oder vergiftete Vögel.

"Tauben haben einfach Pech", sagt Stürmer. "Die meisten Menschen sehen sie überhaupt nicht. Und wenn doch, dann wollen sie sie jedenfalls nicht anfassen."

Die Tiere kommen zunächst in einen Container am Eingang des Gnadenhofes: die Krankenstation. Hier verbringen sie einige Tage in Käfigen, bekommen Nahrung und Wasser, gegebenenfalls auch Medikamente.

Manche Vögel sind danach wieder fit und können freigelassen werden. Andere brauchen längere Pflege. Sie werden in die Volieren des Gnadenhofes gebracht. "Und manchmal ist es das Beste für das Tier, wenn es euthanasiert wird", sagt Stürmer. Das Einschläfern übernimmt der Tierarzt.

Körnerfutter am Boden einer Voliere im Gnadenhof Oberrad. Foto: Christophe Braun Bild-Zoom
Körnerfutter am Boden einer Voliere im Gnadenhof Oberrad. Foto: Christophe Braun

"Ist doch klar, dass sie verwahrlosen"

Das Stadttaubenprojekt in Frankfurt gibt es seit 1982. Die Mitglieder des Vereins müssen ihre Arbeit immer wieder rechtfertigen. Denn Stadttauben haben einen schlechten Ruf. Als "Ratten der Lüfte" werden sie verschrien. Sie gelten als dreckig, als Krankheitsüberträger.

10 Gründe für Stadttauben Warum Tauben doch besser sind, als alle denken

Ja, sie machen Dreck. Und ja, sie können nerven. Trotzdem gehören die Tauben zu Frankfurt - und das zurecht. Wir nennen Ihnen zehn Gründe, warum die "Ratten der Lüfte" besser sind, als alle denken.

clearing

Alles Quatsch, sagt Stürmer: Stadttauben verwahrlosen, weil die Menschen es so weit kommen lassen: "Wenn Tauben misshandelt werden, wenn sie nur Dreck zum Fressen finden und Erbrochenes trinken, dann ist doch klar, dass sie verwahrlosen", sagt Stürmer. Finden sie hingegen geeignete Nahrung, sauberes Wasser und sichere Unterschlüpfe, bleiben sie gesund.

Warum sind Tauben so verhasst? Warum werden sie regelmäßig misshandelt? Stürmer zuckt mit den Schultern. "Wenn Sie sich auf der Welt umsehen, dann stellen Sie fest: Fast jede Gesellschaft hat ein Tier, auf das sie alles Negative, Schmutzige, Kranke projiziert. In manchen Ländern sind das die Hunde, in anderen die Straßenkatzen - hier in Deutschland sind es die Tauben. Sie gelten als Krankheitsüberträger, als schmutzig und so weiter und so fort. Dabei ist da nicht viel dran."

Gudrun Stürmer steht vor einer Voliere im Gnadenhof Oberrad. Foto: Christophe Braun Bild-Zoom
Gudrun Stürmer steht vor einer Voliere im Gnadenhof Oberrad. Foto: Christophe Braun

Warum Frankfurt sich ändern muss

Im Gegenteil: Tauben sind reinliche, soziale und intelligente Tiere. Bloß müssen die Bedingungen stimmen. Die Vögel müssen Nahrung, Wasser und Obdach finden, und zwar abseits von Urinpfützen, Erbrochenem und Fastfood-Resten.

Das ist durchaus machbar: mit Taubenhäusern, also Verschlägen, in denen die Tiere Unterschlupf finden. Viele Städte machen damit gute Erfahrungen. "Sobald es Taubenhäuser gibt, sind die Vögel von der Straße weg", sagt Stürmer.

2007 wurden Gudrun und Karl-Heinz Stürmer für ihre Arbeit mit Stadttauben mit dem Tierschutzpreis des Landes Hessen ausgezeichnet. Foto: Christophe Braun Bild-Zoom
2007 wurden Gudrun und Karl-Heinz Stürmer für ihre Arbeit mit Stadttauben mit dem Tierschutzpreis des Landes Hessen ausgezeichnet. Foto: Christophe Braun

Die Stadt Frankfurt hat in der Vergangenheit aggressive Maßnahmen erprobt - sie hat zum Beispiel Greifvögel angesiedelt und Abwehrgitter eingezogen. Aber diese Ansätze brachten nicht den erwünschten Erfolg. Taubenhäuser hingegen scheinen zu funktionieren.

In Frankfurt gibt es zurzeit zwei solche Verschläge. Ein drittes Taubenhaus wird in ein paar Wochen eröffnet. Pro Haus können etwa 200 Tiere versorgt werden. Bei geschätzt 4.500 Vögeln in der Frankfurter Innenstadt reicht das natürlich nicht aus. Aber es ist ein Anfang.

"Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch erleben werde, dass in der Innenstadt genug Taubenhäuser für alle Vögel stehen", sagt Gudrun Stürmer schmunzelnd, "Aber solange ich kann, mache ich weiter."

Hier geht's zur Website des Stadttaubenprojekts Frankfurt.

Tauben sitzen in einer Voliere im Oberräder Gnadenhof auf einer Stange. Foto: Christophe Braun Bild-Zoom
Tauben sitzen in einer Voliere im Oberräder Gnadenhof auf einer Stange. Foto: Christophe Braun
Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen