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Probleme der Jüngeren: Unfitte Kinder: Sportmediziner macht Politik und Gesellschaft verantwortlich

Die Schere zwischen fitten und unfitten Kindern klafft immer weiter auseinander. Wieso das so ist, darüber hat Redakteurin Stefanie Liedtke sich mit dem Sportmediziner Prof. Dr. Winfried Banzer von der Goethe-Universität unterhalten.
Professor Dr. Winfried Banzer fordert eine bessere Ausbildung der Verantwortlichen in Kitas, Kindergärten und Schulen, damit die Kinder wieder fitter werden. Foto: Christian Christes (CHRISTES) Professor Dr. Winfried Banzer fordert eine bessere Ausbildung der Verantwortlichen in Kitas, Kindergärten und Schulen, damit die Kinder wieder fitter werden.

Immer mehr Kinder können nicht mehr auf einem Bein stehen und fallen hin, wenn sie ein paar Schritte rückwärts laufen sollen. Gleichzeitig gibt es motorische Überflieger, die schon mit vier ohne Stützräder Fahrradfahren können und mit fünf ihren Freischwimmer machen. Wieso die Schere zwischen fitten und unfitten Kindern immer weiter auseinanderklafft, darüber hat Redakteurin Stefanie Liedtke sich mit dem Sportmediziner Prof. Dr. Winfried Banzer von der Goethe-Universität unterhalten.

Immer mehr unfitte Kinder – woran liegt das?

PROF. WINFRIED BANZER: Unser passiver Lebensstil – viel sitzen, wenig bewegen, viel die Finger benutzen, weniger die Beine – wirkt sich längst massiv bei den Kleinsten aus. Die Problematik der Bewegungsarmut verschiebt sich immer weiter nach vorne und manifestiert sich schon im Kindesalter. Die Werbung tut ihr Übriges.

Redakteurin Stefanie Liedtke im Gespräch mit Winfried Banzer. Bild-Zoom Foto: Christian Christes (CHRISTES)
Redakteurin Stefanie Liedtke im Gespräch mit Winfried Banzer.

Wie meinen Sie das?

BANZER: Wir wissen aus der Verhaltensforschung, dass Kinder schon mit drei, vier Jahren Werbung wahrnehmen. Sie sehen sie im Fernsehen, in der Stadt. Aber wenn wir uns mal anschauen, was da beworben wird – nämlich gerade die ungesunden Dinge – dann brauchen wir uns nicht wundern. Kinder werden schon sehr früh auf einen ungesunden Lebensstil getrimmt.

Aber Kinder haben doch einen unglaublichen Bewegungsdrang. Wir müssen viel falsch machen, um aus diesen Energiebündeln Couch-Potatoes zu machen, oder?

BANZER: Das fängt zu Hause an: Viele Eltern sind schon bemüht, aber weil sie selber viel Stress haben, gelingt es ihnen oft nicht, Bewegungsfreiräume für ihre Kinder zu schaffen. Dies verschärft sich, weil es in vielen Betreuungseinrichtungen immer noch nicht selbstverständlich ist, dass Bewegungsförderung eine ganz wichtige Strategie ist, um auch die kognitive Entwicklung von Kindern zu fördern.

Wie kann man hier gegensteuern?

BANZER: Wir müssen die Verantwortlichen in den Kitas, in den Kindergärten und natürlich auch in den Schulen besser ausbilden. In der Sportlehrer-Ausbildung spielt das Thema Gesundheit und Prävention eine viel zu geringe Rolle. Dann kommen natürlich noch andere Faktoren hinzu, beispielsweise, dass es uns noch immer nicht gelungen ist, die tägliche Bewegungsstunde im Schulunterricht zu etablieren, obwohl wir dies seit 20 Jahren fordern. Es tut sich einfach nichts.

Dabei gibt es doch immer mehr Ganztagsschulen mit Nachmittagsangeboten . . .

BANZER: Das macht es nur schlimmer, nicht besser! In der Schule spielt Bewegung kaum eine Rolle, und jetzt fehlt auch noch privat die Zeit dafür. Die Kinder können nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen, nicht mehr ins Training gehen. Das alles sind – vermeintlich – Kleinigkeiten, aber diese Kleinigkeiten potenzieren sich. Und schon haben wir eine Verschlechterung der motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen.

Die Ursachen für die Probleme sind bekannt. Warum ändert sich nichts?

BANZER: Dass wir etwas ändern müssen, ist keine neue Erkenntnis. Aber das Thema wird viel zu wenig intersektoriell betrachtet. Damit meine ich: Eigentlich müssten sich alle Politikfelder damit befassen. Man darf die Verantwortung nicht auf Sportlehrer und Vereine abwälzen.

Aber genau das geschieht vielerorts . . .

BANZER: Weil es bequem ist: Da braucht sich die Kommune nicht mehr kümmern, die Stadtplaner brauchen sich nicht kümmern, das Umweltamt auch nicht. Aber das gehört alles zusammen! Hier sind wir von einer sinnvollen Zusammenarbeit meilenweit entfernt. Hier fehlt eine klare Strategie.

Fehlt es wirklich an der Strategie oder vielmehr am Willen?

BANZER: Wahrscheinlich haben Sie nicht ganz Unrecht. Sie werden Bewegungsförderung sicherlich als Alibi in jedem Wahlprogramm zur Bundestagswahl finden. Aber zeigen Sie mir mal einen, der das auch wirklich umsetzen will . . .

Dabei sind die dicken, unfitten Kinder von heute die chronisch Kranken von morgen. Da kommen enorme Kosten auf unser Gesundheitssystem zu…

BANZER: Das Dilemma jeder Prävention ist: Die Konsequenz der Maßnahmen wird erst viel später wahrgenommen. Die Politiker sind dann schon lange nicht mehr im Amt. Aber die Kinder, die dann erwachsen sein werden, müssen mit den Konsequenzen leben. Zwei von drei Kindern, die heute übergewichtig sind und vielleicht schon erste Anzeichen einer Zuckererkrankung zeigen, nehmen das mit ins Erwachsenenalter. Das große Dilemma ist, dass Interventionen in der Gesundheitsförderung Zeit brauchen. Und diese Zeit wird ihnen nicht gewährt.

Wie ist es mit dem Schulsport? Machen wir da alles richtig? Für manche Kinder ist das mit sehr viel Frust verbunden . . .

BANZER: Das ist tatsächlich ein Problem. Schulsport sollte die Kinder da abholen, wo sie sind. Sollte ihnen Spaß und Freude vermitteln. Natürlich auch motorische Grundkenntnisse, aber der Spaß muss im Mittelpunkt stehen. Wenn etwas nicht mit positiven Gefühlen besetzt ist – das wissen wir aus zahlreichen Untersuchungen –, machen wir es vielleicht ein paar Mal, aber nicht dauerhaft. Eine Nachhaltigkeit entsteht nur über positive emotionale Bindung. Schulsport darf deshalb auf keinen Fall mit negativen Erlebnissen und Frustration verbunden sein. Aber leider ist genau das im Sportunterricht für viele Kinder traurige Realität, weil sie die Leistungsvorgaben nicht erfüllen und zum Gespött der Klasse werden, wenn sie wie ein nasser Sack an der Reckstange hängen. Hier müssen wir dringend gegensteuern.

Wie soll das gehen?

BANZER: Wir brauchen andere Zielvorgaben. Wir müssen weg von der Leistungsorientierung. Ich habe nichts gegen Leistungssport, ganz im Gegenteil, aber die Aufgabe des Schulsports muss eine andere sein.

Wie steht es mit den Sportvereinen? Auch da gibt es einige, die sehr früh auf Leistung setzen und untalentierte Kinder aussieben.

BANZER: Ich glaube, das ist sehr unterschiedlich. Wir können den Übungsleitern schon zutrauen, dass sie beide Facetten – Leistungs- und Breitensport – sehen. Nur fehlt es häufig leider an Übungsleitern. Da läuft man als Trainer natürlich Gefahr, dass man sich auf die leistungsstärkeren Kinder konzentriert, die man auch mal mit auf einen Wettkampf nehmen kann. Aber in der Ausbildung der Übungsleiter wird schon thematisiert, dass sie darauf achten müssen, die anderen nicht zu verlieren.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder schon früh an den Sport heranzuführen?

BANZER: Das Entscheidende ist das Vorbild. Es ist also eigentlich ganz einfach und trotzdem so schwierig. Kinder, die aus Elternhäusern kommen, bei denen der Sport zum Alltag gehört, sind bewegungsaffiner und haben einen größeren Bezug zum Sport. Und dann sind die Eltern natürlich gefragt, die Kinder zum Training, zum Wettkampf zu bringen, den Aufwand zu betreiben. Das ist anstrengend. Das ist mir bewusst. Aber wenn man diesen Aufwand nicht betreibt, darf man sich nachher nicht beschweren, wenn die Kinder am Ende lieber vorm Fernseher oder vorm Computer sitzen als sich zu bewegen. Vorbild sein, unterstützen, mitmachen, dabei sein – das ist das Entscheidende.

Es gibt auch das andere Extrem der überambitionierten Eltern…

BANZER: Manche Eltern haben völlig irre Vorstellungen und muten ihren Kindern viel zu viel zu. Sie projizieren ihre eigenen, verblichenen sportlichen Karriereambitionen in die Kinder hinein. Die haben alle Wunderkinder. Das ist auch problematisch.

Sie haben vorhin die enge Verbindung zwischen motorischer und kognitiver Entwicklung angesprochen. Aber wenn wir von Frühförderung reden geht es immer nur um Deutsch, Mathe, Fremdsprachen, vielleicht noch Musik. Sport findet da für viele gar nicht statt . . .

BANZER: Sport hat keine Lobby. Das ist das Dilemma. In der Schule ist es der Sportunterricht, der als erstes ausfällt, nicht Mathe oder Englisch. Das Ganze wird dadurch verschärft, dass sämtliche Rankings, Pisa beispielsweise, massiv die kognitiven Fähigkeiten in den Vordergrund stellen. Wir stehen da in einem harten Konkurrenzkampf mit Asien, mit Skandinavien, mit Ländern, die uns in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern einiges voraushaben. Unsere Bildungspolitiker sind darauf fokussiert, diese Defizite aufzuholen. Motorische Defizite interessieren da nicht.

Das führt dann dazu, dass Kinder nicht mehr auf einem Bein stehen können . . .

BANZER: … und umfallen, sobald es ein bisschen uneben wird. So ist es.

Fehlen, gerade in der Großstadt, nicht auch die Bewegungsräume? Einfach mal rausgehen in den Wald, auf einen Baum klettern, das kennen viele Kinder heutzutage gar nicht mehr.

BANZER: Das ist richtig. Aber auch das hängt natürlich massiv von der Unterstützung seitens der Eltern ab. Grüneburgpark, Palmengarten, Niddapark, Spielplätze – Möglichkeiten zum Klettern und Toben gibt es auch in der Stadt. Man kann das durchaus kompensieren. Wenn Eltern das – aus welchen Gründen auch immer – aber gar nicht anbieten, dann sehen die Kinder nur Betonwüsten.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, um Kindern einen besseren Zugang zum Sport zu ermöglichen – was würden Sie verändern?

BANZER: Punkt eins: Ich finde, dass ein Grundrecht auf Sport, auf Bewegungsangebote ins Grundgesetz gehört. Das Thema muss politisch akzeptiert werden. Punkt zwei: Ich halte es für extrem wichtig, dass die Politik hier sektorübergreifend zusammenarbeitet. Dass auch andere Politikfelder akzeptieren und ein Verständnis dafür entwickeln, dass Gesundheits- und Bewegungsförderung eine Investition ist, die sich langfristig auszahlt. Punkt drei: Wir müssen bei all unseren Bemühungen den Spaß in den Mittelpunkt stellen. Das ist fast schon das Allerwichtigste. Nur so schaffen wir etwas, das auch nachhaltig wirken kann.

Wenn es uns nicht gelingt, den Trend zur Bewegungsarmut zu stoppen, wo stehen wir in 20 Jahren?

BANZER: Bestenfalls pendelt es sich etwa auf dem jetzigen Niveau ein. Schlimmstenfalls wird sich der Anteil der Kinder und Jugendlichen verdoppeln, die an Krankheiten leiden, die auf einen Bewegungsmangel zurückgehen. Irgendwo dazwischen wird es sich wohl einpendeln, wenn wir nicht massiv umsteuern. Aber der politische Wille fehlt. Sie werden zwar nie einen finden, der etwas gegen Bewegungsförderung sagt. Aber wo sind die Leute, die sich dafür wirklich in die Bresche werfen? Ich sehe sie nicht.

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