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NS-Vergangenheit: Stolpersteine in der Thomasiusstraße erinnern an die Familie Cohn

In der Thomasiusstraße erinnern seit gestern vier Stolpersteine an die Familie Cohn. Schwierige Recherchen gingen dem voraus. Die führten aber über die Welt verstreute Familienmitglieder zusammen. Und enthüllten nach und nach die bewegende Geschichte der Familie Cohn.
Der Familienname von Mandy Eisemann und ihrem Sohn Levi steht auch auf den Stolpersteinen, die an Familie Cohn erinnern – und meißeln die Zugehörigkeit in Stein. Foto: Arne Dedert (dpa) Der Familienname von Mandy Eisemann und ihrem Sohn Levi steht auch auf den Stolpersteinen, die an Familie Cohn erinnern – und meißeln die Zugehörigkeit in Stein.
Frankfurt. 

Auf den Stolpersteinen, die gestern an der Thomasiusstraße 10 verlegt wurden, liest Mandy Eisemann ihren eigenen Familiennamen. „Darauf steht Eisemann“, sagt sie und schaut ihren Vater, Barry Eisemann, an. „Wir sind Eisemanns.“ Die vier Steine erinnern an Karoline Cohn, deren kleine Schwester Gitta, Vater Richard und die Mutter Else Cohn, die als Eisemann geboren wurde. Sie alle wurden von den Nazis während der Shoah ermordet.

Else Cohns Bruder, Morris Eisemann, ist Mandy Eisemanns Großvater. Bis vor einem halben Jahr wusste sie nichts von Else, Karoline oder Richard. Auch ihr Vater nicht. Ebenso geht es jedem der über 30 Familienmitgliedern aus den Vereinigten Staaten, Kanada und Israel, die gestern in der Thomasiusstraße zusammenkamen und die verstreuten Teile ihrer Familie kennenlernten.

Der Anhänger aus Sobibór

Die Geschichte, wie es dazu kam, beginnt in Ostpolen, dort, wo die Nazis im April 1942 das Vernichtungslager Sobibór errichtet hatten. Hier graben seit 2007 die Archäologen Yoram Haimi und Wojciech Mazurek. Sie versuchen nachzuvollziehen, wie das Lager aufgebaut war, suchen nach Spuren von Opfern und Tätern. Wo die Baracken standen und die Opfer vor ihrer Ermordung geschoren wurden, finden sie im Oktober 2016 einen kleinen Anhänger, der eine monatelange Suche ins Rollen bringt.

Wahrscheinlich ist das kleine Mädchen Karoline. Repro: Reinhardt Bild-Zoom
Wahrscheinlich ist das kleine Mädchen Karoline. Repro: Reinhardt

In dem dünnen Metalldreieck ist das Datum „3.7.1929“ eingraviert. Darunter „Frankfurt A.M.“. Auch der Wunsch „Viel Glück“ findet sich auf Hebräisch darauf. Wem gehörte der Anhänger? Karoline Cohn ist das einzige jüdische Mädchen, das am 3. Juli 1929 in Frankfurt geboren wurde. In den Deportationsunterlagen vom 11. November 1941 ist sie unter dem Namen „Cohn, Karoline S.“ aufgeführt. Der Buchstabe „S“ steht für „Sara“, den die Nazis Jüdinnen aufgezwungen hatten. Die Liste nennt die Adresse „Thomasiusstraße 10“. Auch Karolines Eltern befinden sich unter den Namen. Richard Cohn und Else Cohn, die als Eisemann geboren ist.

Die Opferdatenbank der Gedenkstätte Yad Vashem listet die Lebensdaten der Familie nüchtern auf. Karolines Vater, Richard Cohn, wurde 1884 in Darmstadt geboren. Die Mutter kommt 1885 in Bad Orb zur Welt; Karolines Schwester Gitta im November 1932. Kurz nach ihrem neunten Geburtstag deportieren die Nazis sie und ihre Familie nach Minsk in Weißrussland. Bei jedem Namen steht in der Datenbank der Zusatz, dass die Nazis sie ermordeten.

Das Vernichtungslager Sobibór

Das Lager Sobibór errichteten die Nationalsozialisten 1942 in Ostpolen nahe dem heutigen Dreiländereck Ukraine-Weißrussland-Polen. Mitten im Wald nutzten sie es als reines Vernichtungslager.

clearing

Der Genealoge Chaim Motzen, hat die Geschichte der Familie Cohn recherchiert: Die Cohns sind arm; zu arm, um vor dem NS-Regime aus Deutschland zu fliehen. Karolines Vater ist Tapezierer. Den Beruf kann er aber wegen eines Lungendurchschusses während des Ersten Weltkriegs nicht ausüben. Die Familie lebt von seiner kleinen Invalidenrente und einem Buchladen. Es ist die Zeit der Wirtschaftskrise. Der Laden läuft schlecht und schließt 1931. Mehrmals ziehen die Cohns um. Als die Nazis an die Macht kommen, streichen sie die Invalidenrente und im November 1938 erleben die Cohns in Frankfurt die Pogromnacht. Kurz darauf darf Karoline nicht mehr die Schule besuchen. Ab September 1941 muss sie den gelben Stern tragen. Zwei Monate später erhält die Familie die Aufforderung, sich zur „Abwanderung bereit zu machen“, wie die Nazis die Deportation bezeichneten. Bei der Großmarkthalle sollen sie sich einfinden. Von hier starteten die Deportationszüge aus Frankfurt. Hier verliert sich Motzens Spur.

Recherche geht weiter

Indem der Genealoge die Familienmitglieder ausfindig machte, eröffneten sich neue Quellen. Briefe und Postkarten, die sich bei Verwandten befanden, werden zurzeit ausgewertet. Wie war Karoline charakterlich? Solche Fragen etwa können noch nicht beantwortet werden. „Die Puzzlearbeit geht weiter“, sagt Gregory Schneider, Vizepräsident der Conference on Jewish Material Claims Against Germany. Es lohne sich, die Teile aus den verschiedenen Quellen zusammen zu führen. Das sehe man hier in der Thomasiusstraße an den Nachfahren der Familie Cohn und Eisemann.

Barry Eisemann drückt die Cousine, die er letzte Woche noch nicht kannte, an seine Brust. „Einerseits bricht Karolines Geschichte mir das Herz. Andererseits hat es etwas herzerwärmendes, all die Verwandten kennenzulernen.“ Sein Vater sei schon 1930 aus Deutschland geflohen. Über seine Gründe und seine Familie in Deutschland hat er nie gesprochen. „Um mich zu schützen“, sagt Eisemann.

Die Lücke werde sich wohl nie ganz schließen lassen. Die Geschichte der Familie Cohn, seiner Familie, ist aber zumindest ein kleines Stück.

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