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FNP-Pflegeserie: Pflege: „Das System wird zusammenbrechen“

Pflege geht uns alle früher oder später an. In einer Serie rund ums Thema beleuchtet die Frankfurter Neue Presse die wichtigsten Aspekte. Heute geht es im Interview darum, was in der Pflege in Deutschland schiefläuft. Redakteurin Stefanie Liedtke hat sich darüber mit dem Pflegeheimleiter und Buchautor Michael Graber-Dünow unterhalten.
„Für mich ist es eine Bankrotterklärung des Staates, wenn wir kein Geld mehr dafür haben, unseren alten Menschen ein würdevolles Leben zu ermöglichen“, sagt Michael Graber-Dünow. Foto: Heike Lyding „Für mich ist es eine Bankrotterklärung des Staates, wenn wir kein Geld mehr dafür haben, unseren alten Menschen ein würdevolles Leben zu ermöglichen“, sagt Michael Graber-Dünow.
Frankfurt. 

Herr Graber-Dünow, in Ihrem Buch „Pflegeheime am Pranger“ erheben Sie schwere Vorwürfe gegenüber Politik und Pflegeheimbetreibern. Was läuft denn so schief in der Pflege?

MICHAEL GRABER-DÜNOW: Es gibt eine ganze Menge Probleme. Das zentrale Problem ist – aber das ist nicht neu – die Personalbemessung. Selbst unter optimalen Bedingungen muss eine einzelne Pflegekraft sich um zu viele Bewohner kümmern. Und die Bedingungen sind längst nicht überall optimal.

Aber Personal ist teuer . . .

GRABER-DÜNOW: Natürlich ist Personal teuer. Aber es ärgert mich, wenn die Diskussion darüber, was nötig und sinnvoll ist, ständig mit einem lapidaren „unfinanzierbar“ erstickt wird. Für mich ist es eine Bankrotterklärung des Sozialstaates, wenn wir kein Geld mehr dafür haben, unseren alten Menschen ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Das ist die Generation, die dieses Land aufgebaut hat! Ich bezweifle aber auch, dass zu wenig Geld da ist.

Wie meinen Sie das?

GRABER-DÜNOW: Es ist genügend Geld im System, aber es kommt nicht an der richtigen Stelle an. Würden wir das System grundlegend auf den Kopf stellen, wäre eine weitaus bessere und menschenwürdigere Pflege möglich.

Wie ist es denn in der Realität?

GRABER-DÜNOW: Der Sündenfall war, als die Politik die Pflege dem freien Markt überlassen hat. Private Pflegekonzerne verdienen Millionen mit Pflege. Gleichzeitig erzählen mir Kollegen aus privaten Pflegeheimen, dass ihnen vorgeschrieben wird, wie viele Windeln sie verbrauchen dürfen. Da läuft etwas schief! Auf der einen Seite werden Aktionären hohe Gewinne ausgeschüttet und auf der anderen Seite wird an grundlegenden Dingen gespart. Das ist absurd.

Private Heime machen aber nur zwei Fünftel der Einrichtungen in Deutschland aus. Mehr als die Hälfte ist in freigemeinnütziger Trägerschaft . . .

GRABER-DÜNOW: Aber auch dort kommt ein zu großer Teil des Geldes nicht bei den Bewohnern an. Die Wohlfahrtsverbände haben viel zu große bürokratische Wasserköpfe. Da fließt sehr viel Geld ab. Zum Teil gleichen die Wohlfahrtsverbände über die Einnahmen aus den Pflegeheimen sogar andere Defizite aus.

Sie leiten doch selbst ein Haus in freigemeinnütziger Trägerschaft . . .

GRABER-DÜNOW: Das ist richtig. Mit einem genialen Unterschied: Das Geld, das in dieses Haus fließt, bleibt auch in diesem Haus. Wir haben nur eine kleine Verwaltung, und unser Träger erwartet von uns keine Gewinne. Im Gegenteil: Wenn wir für unsere Bewohner eine kulturelle Veranstaltung organisieren möchten, für die wir nicht genug Geld zur Verfügung haben, unterstützt uns unser Träger zusätzlich. Das soll nicht heißen, dass hier nur eitel Sonnenschein ist. Wir sind auch nicht auf Rosen gebettet.

Die Bürokratie macht auch vor Ihrem Heim nicht Halt . . .

GRABER-DÜNOW: Das stimmt. Das Statistische Bundesamt beziffert allein die Kosten für die Pflegedokumentation auf jährlich 2,7 Milliarden Euro! 30 Prozent der Pflegezeit geht nur für die Dokumentation drauf. Das ist doch Wahnsinn! Wenn man wenigstens sagen könnte, dass damit Vorteile für die Bewohner verbunden sind – aber das ist nicht der Fall. Im Gegenteil: Ihre Situation verschlechtert sich, weil das Geld, das damit verpulvert wird, für wichtige Dinge fehlt.

Um wie viele Bewohner muss sich eine Pflegekraft im Schnitt kümmern? Und wie ist das in Ihrer Einrichtung?

GRABER-DÜNOW: Das kommt ganz auf die Pflegestufen der Bewohner an und wird nach einem sehr komplizierten Schlüssel berechnet. Nach den Vorgaben der Pflegekassen kommt man im Schnitt auf 11,6 Bewohner, die eine Pflegekraft durchschnittlich am Tag versorgen muss. Bei uns haben wir unter normalen Umständen einen Betreuungsschlüssel von 1:10. Das ist zwar weitaus besser als in vielen anderen Einrichtungen, aber selbst das ist noch zu wenig. Selbst wir bräuchten eine Erhöhung der Personalbemessung.

Pauschal den Personalschlüssel zu erhöhen, dürfte nicht viel bringen. Es fehlt doch schon jetzt qualifiziertes Personal . . .

GRABER-DÜNOW: Das Ganze hat zwei Dimensionen: Zu wenige Planstellen auf der einen Seite, zu wenig qualifiziertes Personal auf der anderen Seite. Auch hier muss sich dringend etwas ändern. Wir müssen die Attraktivität und das Image des Berufs verbessern. Altenpfleger ist ein ganz großartiger Beruf. Es macht sehr viel Freude, mit den Bewohnern zu arbeiten. Aber obwohl wir händeringend Menschen suchen, die sich für diesen Beruf begeistern, gibt es Bundesländer, in denen junge Leute für diese Ausbildung auch noch Geld zahlen müssen. Da muss man sich nicht wundern. Das ganze System ist so absurd.

Was müsste sich ändern?

GRABER-DÜNOW: Wir bedürfen vor allem einer verantwortungsvollen Sozialplanung. In Frankfurt etwa wurden Pflegeheime weit über den Bedarf gebaut. Nun werben sich die Heime gegenseitig die Pflegekräfte ab. Das kann in niemandes Sinne sein. Es kommt doch auch keiner auf die Idee, einfach irgendwo einen Kindergarten zu bauen, wenn ihm danach ist. Altenpflege muss wieder kommunal geplant werden.

Werden wir die Überkapazitäten von heute nicht vielleicht morgen schon brauchen? Schließlich steigt die Zahl der Pflegebedürftigen rapide . . .

GRABER-DÜNOW: Die Zahl der Pflegebedürftigen schon. Das ist hundertprozentig sicher. Aber ob der Bedarf an Heimplätzen steigen wird, weiß man nicht. Das hängt vor allem vom weiteren Ausbau der ambulanten Dienste, des bürgerschaftlichen Engagements und alternativer Wohnformen ab. Als ich 1977 als Zivildienstleistender angefangen habe, gab es noch keine ambulanten Pflegedienste. Wenn man sich anschaut, wie sich das gewandelt hat, ist das eine phänomenale Entwicklung. Und das ist auch gut so. Pauschal kann man jedenfalls keine Aussage treffen, wie der Bedarf an Heimplätzen sich in Zukunft entwickeln wird.

Sie kennen die Altenpflege seit 1977 – ist seitdem wirklich alles schlechter geworden?

GRABER-DÜNOW: Nein, vieles hat sich auch verbessert. Man ist beispielsweise von den starren Tagesabläufen abgekommen und bemüht sich, die Bedürfnisse und Gewohnheiten der Bewohner stärker zu berücksichtigen. Früher gab es um 8 Uhr Frühstück. Bis dahin mussten alle fertig sein. Mit dem Ergebnis, dass um 8 Uhr alle wirklich „fertig“ waren – die Bewohner und die Pflegekräfte. Heute hat man den Tagesablauf entzerrt. Jemand, der morgens gerne länger schläft, kann später frühstücken. Das kommt den Bewohnern entgegen, aber auch den Pflegekräften, weil belastende Arbeitsspitzen abgebaut werden. Ähnlich ist es mit dem Zubettgehen. Auch die Wohnsituation hat sich verbessert, weil wir heute viel mehr Einzelzimmer haben.

Wie stehen Sie zur Pflegeversicherung?

GRABER-DÜNOW: Die Pflegeversicherung sollte man abschaffen. Sie hat ihr Ziel verfehlt. Ursprünglich sollte sie verhindern, dass Heimbewohner in die Sozialhilfe abrutschen. Aber sie war von Anfang an als Teilkaskoversicherung konzipiert. Mit der Folge, dass immer noch der überwiegende Teil derer, die im Heim gepflegt werden, sozialhilfebedürftig ist. Gleichzeitig hat sich aber der Bürokratieaufwand erheblich erhöht. Die meisten anderen westlichen Staaten finanzieren Pflege aus Steuern. Auf diese Weise können sie viel Geld im System sparen. Bei uns laufen Pflegekasse und Sozialamt parallel – beides verursacht Kosten.

Ihre Forderungen, dass die Pflegeversicherung abgeschafft wird und der Sozialstaat in der Altenpflege wieder das Ruder in die Hand nimmt, klingen sehr nach Wunschdenken. Halten Sie dies für realistisch?

GRABER-DÜNOW: Nein, es ist nicht realistisch.

Was bedeutet das im Umkehrschluss?

GRABER-DÜNOW: Das System, so wie es ist, wird gegen die Wand fahren. Es wird zusammenbrechen. Die Versorgung der Bewohner wird immer schlechter werden. Aber das scheint keinen zu interessieren. Wenn ich mir anschaue, was die Bundesregierung mit dem sogenannten Pflegestärkungsgesetz II macht, dann weiß ich nicht, ob ich das traurig oder lächerlich finden soll. Das ist blinder Aktionismus, der an den eigentlichen Problemen vorbeigeht und der nur negative Auswirkungen hat. Unter anderem wird er den bürokratischen Aufwand weiter erhöhen, und zwar erheblich.

Woran liegt es, dass uns die Altenpflege nicht wichtig zu sein scheint?

GRABER-DÜNOW: Die Altenpflege hatte noch nie eine vernünftige Lobby, und sie hat auch jetzt keine. Dabei geht Pflege uns alle an – beinahe jeder kommt früher oder später damit in Berührung, ob er nun selbst betroffen oder ein Angehöriger ist. Eigentlich müsste Pflege auf der politischen Agenda ganz oben stehen, aber sie steht ganz unten. Das Schlimme ist, dass ganz viele Verantwortliche in den Verbänden all diese Fehlentwicklungen mittragen. Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie man das machen kann.

Da muss es mir ja angst und bange werden, falls ich irgendwann mal ein Pflegefall werden sollte . . .

GRABER-DÜNOW: Wissen Sie, wovor es mir bange ist? Nicht davor, dass ich selbst mal diesem System ausgeliefert sein könnte. Da gebe ich mich wie viele der Illusion hin, dass dies nicht passieren wird. Ich habe Angst, dass sich die Situation weiter verschlechtern wird, solange ich hier noch Verantwortung trage. Aber ja – es kann uns allen angst und bange werden.

Zum Abschluss unserer großen Pflegeserie bieten wir Ihnen, verehrte Leser, am kommenden Freitag einen besonderen Service an: Von 14 bis 15 Uhr haben Sie die Gelegenheit, drei Experten Ihre Fragen zum Thema Pflege zu stellen. Also merken Sie sich den Termin unbedingt vor! Alle weiteren Details zur Telefonsprechstunde finden Sie in unserer Freitag-Ausgabe.

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