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Neue Mediziner-Stelle: Leichenschau: Kein Warten mehr am Totenbett

Von Frankfurt regelt die Leichenschau in Teilen neu: Wenn Polizisten zu einem Todesfall gerufen werden, steht ihnen ein Rechtsmediziner zur Verfügung. Damit reagiert Frankfurt als erste Kommune auf Wartezeiten bis zu neun Stunden - und will die Leichenschauen professionalisieren.
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Frankfurt. 

Es kann ein unglückliches Ende sein: Ein alter Mensch stirbt in seiner Wohnung. Vielleicht hat er keine Angehörigen, doch irgendwann wird die Wohnung geöffnet, die Leiche entdeckt. Und die Polizei gerufen.

Die Todesursache – Mord, Unfall, natürlicher Tod – entscheidet über das weitere Vorgehen. Deswegen muss sie durch einen Arzt festgestellt werden, damit gegebenenfalls Spuren gesichert werden können. Frankfurt ist jetzt bundesweit Vorreiter mit einem neuen Projekt: Als erste Kommune professionalisiert sie die Leichenschau.

Thomas J. Schmidt
Leichenschau Kommentar: Lösung für unzumutbare Zustände

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Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) kritisiert beispielsweise die Leichenschau durch Hausärzte, die am Bett ihrer Patienten oft Hinweise auf Fremdeinwirkung übersähen (diese Zeitung berichtete). Dies bestätigt auch Frankfurts Polizeipräsident Gerhard Bereswill: Die Qualität der Leichenschauen sei „unterschiedlich“, es gebe unklare Fälle und „spurenvernichtendes Verhalten“ am Totenbett. Die Ursache: Die Polizei müsse oft stundenlang darauf warten, dass der Arzt Zeit für die Leichenschau findet. Der BDK kritisiert dieses bundesweit auftretende Phänome heftig.

Nicht genügend Expertise

Doch ab diesem Jahr soll es in Frankfurt besser laufen als bisher. Die Leichenschau wird professionalisiert. Dazu haben sich die Stadt, das Polizeipräsidium und das Land zu einem Projekt zusammengetan. Eine Arztstelle für 100 000 Euro wird von der Stadt Frankfurt finanziert. Angesiedelt ist der diensthabende Arzt im Institut für Rechtsmedizin der Goethe-Universität. „Der Kollege ist von allen anderen Verpflichtungen freigestellt“, erläuterte Institutsdirektor Prof. Marcel A. Verhoff. Jedoch ist der Rechtsmediziner nur an Wochentagen und nur zu den normalen Praxiszeiten für die Polizei da – denn wenn die Praxen geschlossen sind, nimmt der ärztliche Bereitschaftsdienst seine Arbeit auf. Und an diesen kann sich die Polizei auch abends wenden, wenn Leichen begutachtet werden müssen.

Hausärzte, die ab und zu einen verstorbenen Patienten begutachten, haben laut Verhoff hingegen nicht unbedingt genügend Expertise und können bei der Leichenschau kleine Hinweise auf Fremdeinwirkung übersehen. Verhoffs Kollegen haben im neuen Jahr bereits drei Fälle „unklarer Todesursache“ in Frankfurt entdeckt. Der nächste Schritt nach der Leichenschau, der äußerlichen Untersuchung des Verstorbenen, ist dann die Obduktion.

7000 Todesfälle gibt es jährlich in Frankfurt. Meist können die Hausärzte oder die Klinikärzte den Tod eindeutig feststellen. Bei jedem siebten Todesfall jedoch – 935 im vergangenen Jahr – werden Polizisten hinzugezogen.

1700 Arbeitsstunden

Fast zwei Jahre lang hatten die Beamten in diesen Fällen tagsüber Hausärzte herbeitelefonieren müssen. „Vier oder sechs Stunden, manchmal neun Stunden“, so Bereswill, konnte es dauern, bis der Arzt, dessen Wartezimmer voll Patienten war, für die Leiche Zeit hatte. Eine Belastung für die Angehörigen. Und die Polizei hat 1700 Arbeitsstunden, umgerechnet ein Arbeitsjahr, an Totenbetten gewartet.

Manchmal, wenn gar kein Hausarzt konnte, riefen die Beamten die Stadt an. „Wir hatten den Schwarzen Peter“, sagte Frankfurts Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne). „Wenn sich kein Hausarzt fand, musste ein Arzt des Gesundheitsamtes raus.“ Dieses, so dessen Leiter Prof. René Gottschalk, habe auch nicht genügend eigene Ärzte.

Das Problem besteht landesweit, doch zumindest in Frankfurt soll es mit der zusätzlichen Arztstelle gelöst werden. Die Mainmetropole steht damit laut Majer landesweit einmalig da. Drei Ministerien – das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst, das Sozial- und das Innenministerium – kooperieren mit der Kommune. Die Stadt tritt nach Aussage Majers in Vorleistung: Sie übernimmt die entstehenden Kosten von 100 000 Euro alleine. „Nach Ablauf des Jahres müssen wir sicher sehen, dass wir die Kosten neu verteilen“, sagte er. Dann entscheidet sich, ob das Projekt fortgeführt wird.

Das Ärzte-Problem ist vor zwei Jahren entstanden, als die Kassenärztliche Vereinigung den Bereitschaftsdienst tagsüber gestrichen hat. In den ersten drei Monaten war auch damals Verhoffs Institut in die Bresche gesprungen, musste dies aus finanziellen Gründen aber einstellen.

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