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Stadtteil-Serie (Teil 33): Kuhwald: Ein vergessenes Dorf

Kein Ort in Frankfurt klingt mehr nach Dorf wie die Bockenheimer Kuhwaldsiedlung, nirgendwo anders in Frankfurt dürfte weniger los sein als auf dem kleinen Flecken zwischen dem großen Rebstock, der noch größeren Messe und dem schmucken Europaviertel. FNP-Reporter Ben Kilb hat sich dort umgesehen.

Auf gewisse Weise genießen die Menschen im Kuhwald die Unauffälligkeit des Ortes. Denn als der Flecken das letzte Mal von sich Reden macht, fielen Bomben auf ihn. So viele wie auf keinen anderen Ort in Frankfurt, denn an die Siedlung grenzten wichtige Frankfurter Bahngleise sowie der Alte Flugplatz im Rebstock, der Vorläufer des Frankfurter Flughafens. Etwa 2500 Menschen lebten vor dem Krieg im Kuhwald, bloß 500 konnten danach in die wenige Jahre zuvor vom Frankfurter Eisenbahnersiedlungsverein, dem Frankfurter Postsiedlungsverein und der Gemeinnützigen Wohnungsbau Aktiengesellschaft Rhein-Main gebauten Häuser zurückkehren.

Fast 200 Jahre nach der Rodung der Fläche durch die Landgrafen von Hessen Kassel und mehr als 120 Jahre nach der Eingemeindung Bockenheims, die auch seine kleine westliche Siedlung mit einschloss, leben im Kuhwald etwa wieder so viele Menschen wie vor dem Zweiten Weltkrieg. Zur benachbarten Messe und ihrer kosmopolitischen Warenschau bietet die Siedlung jedoch den denkbar stärksten Kontrast. Die Messe wirkt sich auf den Kuhwald meist nur negativ aus, wenn Besucher mal wieder die Philipp-Reis-Straße oder den Dammgraben zuparken.
Eine bessere Nahversorgung hat die Messe der Siedlung nicht beschert. Mit einem Italiener und einem Vietnamesen sind dem Ort zumindest zwei Restaurants geblieben, ein Döner-Imbiss und ein Kiosk an der Ecke Funckstraße/Müllerstraße und die nur wenige Meter entfernte Kuhwald-Apotheke stellen so was wie das Ortszentrum dar. Auch der Heilige Geist hat dem Kuhwald noch nicht den Rücken gekehrt, was sich an der Dreifaltigkeitskirche und der Pfarrkirche St. Pius zeigt, die zwei Wahrzeichen der Siedlung bilden.

Nur zwei Gaststätten

Koch Mario bereitet in der Pizzeria da Salva am Dammgraben den Pizzateig vor. Das Restaurant ist eine von nur zwei Gaststätten in der Siedlung neben einem Vietnamesen im Haus Kuhwald. Als vor fünf Jahren die Trattoria La Rosa schloss, forderten hunderte Anwohner mit einer Unterschriftenaktion deren Rückkehr in den Stadtteil – ohne Erfolg. Aber immerhin konnten die Anwohner verhindern, dass stattdessen eine Spielhalle in die ehemaligen Räumlichkeiten der Trattoria in der Müllerstraße einzog.

Das Wahrzeichen

Der 40 Meter hohe Glockenturm der Dreifaltigkeitskirche ist das höchste Gebäude in der Kuhwaldsiedlung und damit auch so etwas wie das Wahrzeichen des Ortes. Das Gotteshaus wurde im Jahr 1966 eingeweiht.

Zwei Gemeinden

Neben der Dreifaltigkeitsgemeinde feiert hier auch die kleine rumänisch-orthodoxe Gemeinde im Kuhwald sonntags ihre Gottesdienste. Die Kirche befindet sich in der Funckstraße und wird durch ein Gemeindehaus ergänzt. Der Gemeindesaal überspannt als Brückengebäude die Friedrich-Naumann-Straße, was eine städtebauliche Besonderheit darstellt.

Ein Treffpunkt

Murat Ulucan (links) und Hassan Ulucan betreiben einen Kiosk und einen Döner-Imbiss in der Funckstraße. Beides zusammen stellt inzwischen das Ortszentrum der Kuhwaldsiedlung dar. Josip Dropujic (Mitte) gehört zu den Stammgästen. „Die Stadt hat uns im Kuhwald vergessen. Bis auf einen Kiosk und den Döner gibt es hier fast nichts. Einkaufen können wir nur am Rebstock und im Europaviertel. Doch dort ist es teuer“, sagt er.

Zum Einkaufen ins Nachbarviertel

Bis vor drei Jahren befand sich ein kleiner Nahkauf-Supermarkt in jenem Haus in der Friedrich-Naumann-Straße. Nachdem dieser vor drei Jahren dicht machte, eröffnete dort ein kleiner türkischer Supermarkt, dessen Inhaber die Grundversorgung in der Siedlung sicher stellen wollten. Doch die Kunden blieben aus. Den Kuhwäldern bleibt nun nichts anderes übrig, als zum Einkaufen an den Rebstock oder ins Europaviertel zu fahren. Ein neuer Supermarkt wird in der Siedlung so schnell nicht eröffnen.

Als der Zeppelin landete

Der Kuhwald ist ein unscheinbarer Stadtteil, in dem nicht viel Erwähnenswertes passiert. Bevor der Ort zur Wohnsiedlung wurde, war das anders. Im Jahr 1909 gelang auf dem Rebstöcker Feld die erste planmäßige Landung eines Zeppelin-Luftschiffes. Heute erinnert ein Gedenkstein Am Dammgraben/Ecke Müllerstraße an das wohlbekannteste Ereignis, das im Kuhwald stattgefunden hat. Allzu stolz scheint man darauf nicht mehr zu sein, sonst wäre die kleine Grünfläche rund um den Gedenkstein wohl etwas besser gepflegt.

Messebesucher parken in Scharen

Die Kuhwaldsiedlung ist meist ein ruhiger Ort, an den trotz der Nähe zur Innenstadt nicht viel Großstadtlärm und -hektik dringen. Anders verhält es sich, wenn auf dem benachbarten Messegelände große Warenschauen steigen. Dann parken viele Messebesucher die Kuhwaldsiedlung zu und nehmen den Anwohnern die Parkplätze weg. Der Parkdruck in der Siedlung nimmt durch den Bau weiterer Messehallen nicht ab. Weil die Stadt oft nur an Vormittagen Knöllchen im Kuhwald verteilt, hält dies nur wenige Autofahrer davon ab, in der Siedlung nach Parkplätzen zu suchen.

Die Apotheke will bleiben

Franziska Wahle und Birgit Frodyma sind Mitarbeiterinnen der Kuhwald-Apotheke. Neben dem Kiosk in der Funckstraße ist die Apotheke der einzige Einzelhandel in der Siedlung. Inhaberin Kyun-Re Kim hat das Geschäft vor fünf Jahren übernommen und setzt alles daran, dass die Apotheke dem Kuhwald erhalten bleibt. Zwei kleine Supermärkte haben im vergangenen Jahrzehnt in der Siedlung geschlossen, zudem eine Bank und ein Metzger.

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