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BDSM: Domina in Frankfurt, oder: Kumpeltyp mit Peitsche

Julie ist Domina bei Frankfurt. Seit zehn Jahren nimmt sie Banker und Anwälte an die Leine, peitscht Familienväter und Studenten aus. Dass sie sich in dem Geschäft behaupten kann, schreibt sie einer unerwarteten Eigenschaft zu: "Ich bin ein Kumpeltyp."
Foto: Christophe Braun Bilder > Foto: Christophe Braun
Frankfurt. 

Julie fährt mit dem Rad zur Arbeit. Bei jedem Wetter. Das hält sie gesund, sagt sie. "Und außerdem ist es wichtig, dass ich für meine Gäste attraktiv bin." Fünf Minuten braucht die Enddreißigerin, wenn sie die Abkürzungen durch die Felder am Rand von Rödermark nimmt, zehn Minuten, wenn sie sich unterwegs noch einen Kaffee besorgt.

Ihr Studio liegt in einem weitläufigen Gewerbegebiet, zwischen Auto-Werkstätten und Logistikern. An manchen Tagen fährt Julie morgens zur Arbeit; dann grüßt sie die Nachbarn. An anderen Tagen kommt sie erst abends, wenn in den Werkstätten längst kein Licht mehr brennt. "Ich kann mir meine Tage frei einteilen", sagt sie. "Das ist einer der Vorteile." Hat sie vormittags keine Termine, ist sie mit ihren Hunden Cino und Winnie unterwegs. 

Ihr eigener Chef

Julie - Miss Julie Noir, wie ihre Gäste sie nennen - arbeitet seit zehn Jahren als Domina in und um Frankfurt. Während ihre Nachbarn im Gewerbepark alte Autos restaurieren, peitscht sie ihre Kunden aus, bindet sie auf einer Streckbank fest oder presst ihre Hoden mit einer Zwinge zusammen.

Die schlanke Frau lacht viel, wenn sie von ihrem Beruf erzählt. "Klar ist das kein Job wie jeder andere", sagt sie. "Aber wenn es einem liegt, dann macht es  Spaß. Ich verdiene gutes Geld, ich bin mein eigener Chef."

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Sadomaso in der Mittagspause

Julies Kunden kommen überwiegend aus Frankfurt. Banker, Anwälte und Beamte, Handwerker, Studenten, Auszubildende. Viele kommen während der Mittagspause, für eine knappe Stunde. "Oft genügt es den Leuten schon, wenn ich sie mal an die Leine nehme. Das ist für die wie ein Kurzurlaub vom Alltag."

Wünscht sich ein Gast mehr, kann sie auch dem entsprechen: Auf den Regalen im Studio liegen säuberlich aufgereiht Fesseln und Peitschen, Analdehner und Hodenzwinger, Gasmasken, Gerten und anderes Sexspielzeug. Die Schlaginstrumente kommen seltener zum Einsatz, sagt Julie: "Keiner will mit knallroten Striemen auf dem Po zurück nach Hause kommen."

Kein Sex mit der Domina

In den Rollenspielen der Sadomaso-Subkultur  ist die Domina eine Frau, die ihre Kunden quält und unterwirft . Dominas gelten in Deutschland als Prostituierte, haben aber typischerweise keinen Geschlechtsverkehr mit ihren Freiern. Auch Julie nicht: "Das würde den Moment zerstören", sagt sie. Dafür ist ihre "Zofe" da - eine Angestellte, die gegebenenfalls auch sexuelle Dienste anbietet.

Prostitution wird in der deutschen Öffentlichkeit - zuletzt etwa im Frankfurter Oberbürgermeister-Wahlkampf - oft auf das Thema Zwangsprostitution reduziert. Dass es Frauen und Männer gibt, die sich aus freien Stücken für diesen Beruf entscheiden, wird oft ignoriert. "Ich verdiene gutes Geld, ich arbeite, wann ich möchte, und ich habe auch noch Spaß dabei - wo ist das Problem?", sagt Julie. 

200 Euro kostet eine einstündige Session in ihrem Studio. Viele Kunden buchen zwei oder drei Stunden. Über mangelnde Nachfrage kann die Domina sich nicht beklagen - im Zweifelsfall verschiebt sie sogar Termine. Zwei Sessions am Tag, das funktioniert. "Mehr ist anstrengend."

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"Klingt nach Klischee, oder?"

Aufgewachsen ist Julie in Sachsen-Anhalt, in einem kleinen Dorf auf dem Land. Die Mutter stirbt früh, der Vater ist Alkoholiker, der Bruder pflegebedürftig. "Klingt nach Klischee, oder?", sagt sie und lacht. "Klar, es war nicht einfach. Aber so habe ich gelernt, früh auf mich selbst aufzupassen."

Nach der Schule hat sie verschiedene Jobs. Mit Mitte 20 zieht sie mit ihrem ersten Freund nach Hanau, macht eine Lehre als Automobilkauffrau. Als die Beziehung endet, geht sie nach Frankfurt. Und stößt zufällig auf eine Anzeige, in der Frauen gesucht werden - für "erotische Massagen."

Schnelles Geld

"Am Anfang habe ich das gemacht, weil es eine gute Möglichkeit war, schnell etwas Geld zu verdienen", sagt sie. Nach einer Weile beginnen ihre Kunden, exotischere Wünsche zu äußern. "Dann ist das Schwarze dazugekommen. Und irgendwann waren die Massagen raus und ich war Domina."

Das Schwarze - das heißt Sadomaso-Praktiken. "Ich fand das sehr interessant", sagt Julie. "Dieses Spiel aus Nähe und Distanz. Das Mit-Fühlen mit dem Anderen. Das gefällt mir gut."

Der Job hat seinen Preis. Julie ist Single. "Manchmal kann das hart sein", sagt sie. Lernt sie jemanden kennen, erklärt sie möglichst rasch, was sie beruflich tut. "Das gehört einfach zu mir dazu, ich möchte das nicht verstecken. Manchmal haben Leute Verständnis dafür, manchmal nicht."

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Familienväter in Windeln

Nach zehn Jahren im Metier kennt sie die meisten Fantasien, mit denen ihre Freier ins Studio kommen. Sie hat Familienvätern Windeln angezogen, Studenten Dehnstäbe in den Penis eingeführt und gestandene Handwerksmeister wie  Kätzchen behandelt. "Schon witzig", sagt sie.

Spielt sie manchmal mit dem Gedanken, das Studio aufzugeben und einen anderen Job zu suchen - wieder als Automobilkauffrau? Julie schüttelt den Kopf. "Kein Interesse", sagt sie. Stattdessen möchte sie ihr Studio erweitern - und umziehen, näher an Frankfurt heran. "Ein größeres Studio, ein paar Angestellte, mit guter Autobahnanbindung - das wäre der nächste Schritt."

Miss Julie Noir ist auch zum Reden da

Dass es Kunden gibt, die Julie seit zehn Jahren die Treue halten, schreibt sie einem unerwarteten Umstand zu. "Domina-Sein, da geht's nicht nur ums Auspeitschen und Quälen. Es geht auch ums Reden. Manchmal sitzen wir einfach nur eine Stunde herum, trinken Kaffee und quatschen."

Dafür, betont sie, nimmt sie dann kein Geld. "Ich hab' schon öfter gehört, dass meine Gäste an mir schätzen, dass ich nicht nur eine Domina bin."

Sondern?

"Wenn ich die Peitsche nicht in der Hand habe, dann bin ich ein richtiger Kumpeltyp", sagt sie.

Und zwinkert.

 

Foto: Frankfurter Verein
Waldmenschen in Frankfurt Der Waldmann hat 40 Jahre lang im Stadtwald gelebt

Er wähnte sich im Krieg, warnte vor Massenmorden und flüchtete, wenn er auf Menschen traf: der "Waldmann" von Frankfurt. Die Sozialarbeiter, die ihn bis zu seinem Tod betreuten, sagen: Auch heute leben Menschen in den Frankfurter Wäldern. (Erstveröffentlicht 2017)

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